DIE ZEIT: Professor Walt, der internationale Terrorismus ist die Achillesferse des mächtigsten Landes der Erde. Aber konnte man mit einem Angriff wie dem heutigen überhaupt rechnen?

Stephen Walt: Nein. Terroristengruppen brauchen heute keine Massenvernichtungswaffen, um gefährlich zu sein. Flugzeuge an sich sind ja keine Massenvernichtungswaffen. In den Händen von Terroristen werden sie aber zu solchen. Was solche Gruppen brauchen, sind gut ausgebildete Leute, vor allem solche, die bereit sind zu sterben.

DIE ZEIT: Sie gehen davon aus, dass die Terroristen die Maschinen selbst geflogen haben?

Stephen Walt: Ich glaube nicht, dass ein Pilot freiwillig in das World Trade Center fliegt, nicht mal mit einer Pistole am Kopf. Jeder Pilot hätte das Flugzeug im Hudson River versenkt. Die Terroristen konnten selbst fliegen. Das begrenzt den Kreis möglicher Attentäter: Die Zahl der Gruppen, deren Anhänger fähig sind, eine Boeing zu fliegen, und bereit sind, selbst zu sterben, ist relativ gering. Auch die Koordination der Anschläge spricht dafür, dass diese Gruppe fähiger ist als andere. Wir wissen ja immer noch nicht, ob es nicht noch mehr Angriffe gibt, vielleicht erst Wochen später.

DIE ZEIT: Wie werden die Vereinigten Staaten auf diese Angriffe reagieren?

Stephen Walt: Viele Amerikaner wollen jetzt eine klare Vergeltung. Wenn ein anderer Staat für den Angriff verantwortlich war, dann hat die USA ja auch alle Möglichkeiten, zurückzuschlagen und zu verhindern, dass so etwas wieder geschieht. Wenn sich aber herausstellt, dass dies eine Terroristenbande ist, oder wir gar nicht herausfinden, wer verantwortlich ist, dann ist nicht klar, wie wir reagieren können. Dies ist nicht Pearl Harbor, wo wir genau wussten, was zu tun war: den Krieg erklären, losziehen und siegen. Dies hier ist viel schwieriger.

DIE ZEIT: Könnte die Bereitschaft der Amerikaner, Weltpolizei zu spielen, bald ein Ende haben?