Es könnte sein, dass unsere Urenkel sagen werden: Am 11. September 2001 begann der Dritte Weltkrieg, jener "Kampf der der Kulturen", den der Harvard-Politologe Samuel Huntington vor Jahren schon zum Merkmal des 21. Jahrhunderts aufrief. Es muss nicht, aber es könnte so sein.

Selbst im besten Fall markiert dieser 11. September eine weltpolitische Zäsur. In den Trümmern des World Trade Centers und des Pentagons starb die Illusion, es könne in dieser Welt sichere Schutzwälle geben, hinter denen irgendein Staat, irgendein Volk noch absolute Sicherheit zu finden vermöchte. Wir erleben das Ende aller Sicherheit. Die Globalisierung hat den Terror erfasst - und Bedrohung am Boden ist stark, wenn nicht stärker als alles Unheil, das aus dem Weltraum über uns hereinbrechen könnte.

Für die Vereinigten Staaten bedeutet dieser tragische 11. September endgültigen Abschied von dem verführerischen Gedanken, im Isolationismus der "Festung Amerika" liege womöglich doch das Heil. Die einzig verbliebene Supermacht kann der Welt nicht den Rücken kehren - erst recht nicht denjenigen, die selbstmörderisch ihr Ende wünschen. Die USA sind so verwundbar wie alle anderen Staaten, angesichts ihres zivilisatorischen Niveaus und ihrer technologischen Fortschrittlichkeit sogar eher noch verwundbarer: Die Nervenstränge der Wirtschaftsmacht, die Kommunikationskanäle und Wirtschafts- und Finanzzentren liegen offen zutage, die jederzeit verwundbare, buchstäbliche Öffentlichkeit des Marktes ist ihr Prinzip.

Amerika braucht Verbündete, wie die Verbündeten Amerika brauchen. Überleben können Demokratien in einer zunehmend polarisierten Welt Anschläge und Angriffe fundamentalistischer Terroristen nur, wenn sie zusammenstehen. In dieser Stunde können wir den Amerikanern zurufen: We grieve with you. And we share your resolve to hunt down the perpetrators of this crime.

Aber die Entschlossenheit, die Schuldigen zu bestrafen, darf nicht dazu verführen, besinnungslos einen ideologiebesessenen Kampf der Kulturen auszulösen: Die Überlegenheit des demokratischen, toleranten Systems bewährt sich gerade dann, wenn seine Toleranz auf die härteste Probe gestellt wird. Es dürfen jetzt keine falschen Signale an die arabische Welt gesandt, dürfen nicht alle Muslime mit den terroristischen Fundamentalisten in einen Topf gewofen werden. Die Attacken vom 11. September waren das Werk von Irrsinnigen. Sie muss die Strafe ereilen, nicht Unbeteiligte - wenn denn die Schuldigen überhaupt gefasst werden.

Amerika, mutmaßt Henry Kissinger, wird sein Augenmerk jetzt wieder stärker auf die Außenwelt richten als in den zurückliegenden Jahren, zumal den vergangenen neun Monaten. Dies bietet die Chance, die lustlos dahinstolpernde Atlantische Gemeinschaft in neuer Verbundenheit zu befestigen - mit jener Bereitschaft zum Hinhören auf den anderen, die aus dem Entsetzen wächst, das uns alle an diesem day of infamy ergriffen hat.