In deiner Nachbarschaft lebt ein alter Mann, der seine Tage wegtrinkt, als wären es Flaschen. Er wohnt allein in einem kleinen Haus, obwohl bekanntlich manch einer darin verschwindet: "Samantha Brown, lived in my house for about four or five ... months", verkündet er eines Tages auf der Straße, und seine Stimme klingt wie reißender Stoff. "I never slept with her eeeeevenonce." Als würde das jemanden interessieren.

Ein seltsamer Kerl, mit seinem komischen Nicken, wenn man an ihm vorbeigeht, und der eigenartigen Sprachmelodie, wenn er stehen bleibt, um zu plaudern - erst glaubt man, er flüstere einem etwas Vertrauliches zu, dann klingt es, als würde er eine Rede halten - aber eigentlich ist er ganz normal. Er nickt ja wirklich, und er plaudert auch. Gelegentlich bittet er dich herein, dich und deine Gattin oder einen anderen Nachbarn, führt dich in seinen Salon - einen richtigen Salon. Ein paar alte bequeme Sessel, Bücherregale. Und ein Pianino mit einer Notensammlung im Fach des Klavierhockers. Einige Blätter sind handbeschrieben, das sind seine eigenen Songs.

Nicht alles ist altmodisch. Der 65er Mustang in der Garage und der 59er Cadillac am Straßenrand scheinen eine Zukunft zu verheißen, die noch nicht ganz angekommen ist. Neben den geblümten Lampenschirmen und Teppichbrücken gibt es einen CD-Player und Hunderte von CDs, meistens Blues- und Countrystücke, aufgenommen in den 1920ern und 1930ern. "Sieh nach, ob was dabei ist, das du hören willst", sagt er jedes Mal und lässt dich nicht aus den Augen, wenn du wählst.

Von amerikanischen Ikonen

Er ist ein Erklärer. Eines der Stücke, das er am Klavier singt, heißt Po' Boy', obwohl es wie der Folksong Cocaine klingt und neben einem ironisch-trockenen Verspaar ("Call down to room service, say send up the room") und einem Witz eine Geschichte vom verlorenen Sohn erzählt. Er sieht dich eine CD von Bukka White rausholen mit dessen Version des Songs oder zumindest einem Stück mit dem gleichen Titel - der Song wurde 1939 im Zuchthaus von Parchman, Mississippi, aufgenommen, bemerkt der Mann - dann lehnt er sich zurück und lässt den Schwall von Gitarrentönen, die diesen poor boy long way from home geradewegs in den Himmel zu schicken scheinen, wie Regen über sich strömen. Er zeigt dir Ramblin' Thomas' Poor Boy Blues von 1929 ("Ein Straßensänger aus Dallas", sagt er), dann Chuck Berrys Promised Land von 1964, über die Odyssee des "Po' Boy" aus seiner Heimatstadt in Norfolk, Virginia, nach Los Angeles. Der Song wurde geschrieben, als Berry im Bundesgefängnis in Springfield, Missouri, saß, erzählt der Mann ("Als er einen Atlas wollte, damit er die Strecke richtig beschreiben konnte, dachten sie, er plane seine Flucht!"), aber er kommt gerade erst in Schwung. "Weißt du, eigentlich handelt der Song von der Bürgerrechtsbewegung, den Freedom Riders, davon, wie er die Busroute des Po' Boy plant, um Rock Hill zu umgehen, das liegt in South Carolina und ist eine Hochburg des Klan, dann hat der Bus eine Panne, in Birmingham, wo der Klan eine Kirche in die Luft jagte und dabei vier Mädchen tötete, das war 1963, durch Gewalt wurde die Bewegung zum Kampf, verstehst du? Steht alles in dem Buch eines gewissen Professors W. T. Lhamon, Deliberate Speed." Keiner weiß, wovon er redet, aber die Geschichte klingt irgendwie romantisch.

Die eigenen Stücke des Mannes haben angenehme Titel wie Bye and Bye oder Moonlight. Aber das geheuchelte Strahlelächeln, mit dem er sie singt und spielt, lässt ahnen, wie er sie früher an den Mann zu bringen versuchte. Manchmal klingen sie lächerlich kitschig - weniger im Stil von Hoagy Carmichaels Stardust als von Jeanette MacDonald und Nelson Eddys Indian Love Call - oder man sieht einen Salon aus dem 19. Jahrhundert vor sich und hört förmlich die sentimentalen Lieder von Heimat und Liebeswerben, von Tod und Geburt in der Familie, auch wenn sie gar nicht erklingen. Sie sind nicht so glatt wie die veröffentlichten Stücke, die ihnen im Klavierhocker Gesellschaft leisten, obwohl man weiß, dass sie so gedacht waren. Oft haben sie ein bissiges, unversöhnliches oder gar gewaltsames Ende, wie es fürwahr nicht in einen Salon gehört.

Der Mann geht mitten in der Nacht spazieren, zieht durch die Straßen bis an den Stadtrand, er spricht leise von seinem großen Hass, von allem, was er zerstören will, er predigt oder erzählt schmutzige Geschichten, wild gestikulierend und mit wehendem Haar. Eines Nachts, so scheint es, lässt er sich über eine Frau aus, aber dann verwandelt er sich ebenso schnell in einen General auf einem Pferd, wie das Pferd sich in eine Kanzel und der General in einen Propheten verwandeln. "I'm going to spare the defeated, I'm going to speak to the crowd", sagt er, wer immer er wirklich ist. "I'm going to teach peace to the conquered, IIIII'm going to tame the proud."