New York

Es sollte ein ganz normaler Morgen werden. Ein ausgeruhter George W. Bush beim Zwischenstopp in Florida, wo er, umringt von Schülern und Fernsehkameras, für seine Bildungspolitik und für die Wiederwahl seines Bruders zum Gouverneur werben wollte. Kurz darauf war der Präsident der USA auf der Flucht in seinem eigenen Land, und die Nation stand unter Hausarrest. Straßensperren rund um Washington und New York, alle Grenzübergänge nach Mexiko abgeriegelt, Lande- und Startverbot auf allen Flughäfen, Greyhound stellte den Busverkehr ein, Disneyland und Disneyworld schlossen ihre Tore, sämtliche Baseballspiele sind bis auf weiteres abgesagt. Seit Dienstag, 8.45 Uhr Ortszeit bringt CNN den Krieg ins Haus, dieses Mal nicht aus Bagdad oder vom Balkan, sondern aus dem eigenen Land. Das hat es in der amerikanischen Geschichte noch nie gegeben. Ist das Pearl Harbor II? Oder schlimmer?

Wer immer hinter den Angriffen vom 11. September steckt, weiß um die Macht der Bilder ebenso wie um die Macht des Terrors. CNN präsentiert der Welt die einzige Supermacht in ihrer ganzen Hilflosigkeit - getroffen in ihrem politischen, militärischen und finanziellen Nervenzentrum. Diese Bilder haben enorme Symbolkraft, und der Einzige, der ihr kraft seines Amtes etwas entgegensetzen kann, ist der Präsident.

George Bushs erste Reaktion auf den Angriff erfolgte noch in Florida vor einer plötzlich unpassenden Schulkulisse. Der Präsident - noch sichtlich außerstande zu begreifen, was ihm gemeldet worden war - griff zu einer seltsam flapsigen Formulierung: "We will hunt down these folks." -"Wir kriegen sie schon, diese Burschen" - als hätte jemand Grafitti ans Weiße Haus gesprüht.

Gegen Mittag sahen die Amerikaner ihren Präsidenten zum zweiten Mal im schmucklosen Quartier eines Armeestützpunkts in Louisiana und erlebten einen hilflosen Mann, der eine Erklärung vom Blatt ablas: "... feige Verbrechen ... dies ist eine nationale Tragödie ... Sicherheit der Regierung ist gewährleistet ..." Das konnte zu diesem Zeitpunkt keiner glauben, der einen Fernseher hatte: Das Pentagon brannte. Das State Department brannte. Das Weiße Haus und die CIA waren evakuiert, ebenso das Finanzministerium. Am Nachmittag verkündete Bushs Sprecherin Karen Hughes, dass sich der Präsident in Omaha, Nebraska, an einem sicheren Ort befinde und man die Terroristen identifizieren und zur Verantwortung ziehen werde. Aber Racheschwüre, so schien es, wollte in den Stunden nach dem Angriff gar niemand hören. Hier wartete ein Volk von 280 Millionen auf jemanden, der Anteil nahm und irgendwie in Worte fassen konnte, dass seit Dienstag, 8.45 Uhr, in Amerika nichts mehr so ist wie vorher.

Kann George W. Bush das?

Er wird jetzt nicht mehr gemessen an seinem Vorgänger Bill Clinton. Er wird jetzt gemessen an Franklin D. Roosevelt nach dem Angriff der Japaner auf Pearl Harbor, oder an John F. Kennedy während der Kuba-Krise.