Gerhard Schröder spricht nur eine Fremdsprache: Englisch. Joschka Fischer auch. Rudolf Scharping kann sich zudem in Französisch verständigen, Otto Schily ist dazu noch des Italienischen mächtig und damit ein viersprachiger Minister. Das hat eine Umfrage des britischen Magazins The Economist im Bundeskabinett Ende vergangenen Jahres ergeben. Als einziger Bundesminister musste Walter Riester kleinlaut bekennen: Man spricht deutsch - und sonst nichts. Alles in allem im internationalen Politikervergleich ein passables Ergebnis: nicht schlecht, aber auch nicht überragend - womit sich die deutschen Kabinettsmitglieder als wahre Repräsentanten ihres Volkes erwiesen haben. Denn auch das ist, was Fremdsprachenkenntnisse angeht, im europäischen Vergleich nur Mittelmaß.

Immerhin stehen die befragten 14 deutschen Politiker besser da als ihre britischen Kollegen. Premierminister Tony Blair spricht zwar Französisch und "etwas Italienisch", aber zwei von ebenfalls 14 Kandidaten mussten zugeben, dass sie keine Fremdsprachen beherrschen. Und gleich sechs von ihnen waren womöglich zu solch entlarvender Offenheit nicht bereit: Sie verweigerten die Auskunft.

Allerdings: Beim Sprachen-Check die Engländer abhängen - das kann kein Grund zur Freude sein. Schließlich ist Englisch Weltsprache, für viele Briten ein gutes Argument, mit Vokabelpauken keine Zeit zu verschwenden. Deutlich mehr als die Hälfte von ihnen geht ohne Fremdsprachenkenntnisse durchs Leben. Das zeigt die jüngste Eurobarometer-Meinungsumfrage der EU. Dabei wurden Ende 2000 rund 16 000 Europäer zu ihren Sprachkenntnissen befragt. Ergebnis: Was Quantität und Qualität angeht, sind die Deutschen alles andere als Spitze, aber auch nicht gar so miserabel.

In Schweden, den Niederlanden und Dänemark sprechen knapp 80 Prozent der Bevölkerung Englisch, hierzulande tun das nur 52 Prozent. In Frankreich sind es noch weniger, rund 40 Prozent. Deutlich geringer ist in Deutschland der Anteil derjenigen, die perfekt Französisch parlieren: nur 16,7 Prozent - gegenüber 37 Prozent der Niederländer. Mit vier Prozent eine winzige Minderheit sind Deutsche, die Spanisch können - oder mit nicht einmal drei Prozent jene, die mit der italienischen Sprache vertraut sind, was immerhin bei sechs Prozent der Franzosen der Fall ist, aber nicht einmal bei einem Prozent der Iren.

Die Bundesbürger müssen den Hut ziehen vor ihren kleinen Nachbarländern wie beispielsweise Luxemburg, den Niederlanden oder Dänemark - aufgrund der geringen Verbreitung ihrer eigenen Sprache haben deren Bewohner eine Redewendung wie "Ich habe keinen blassen Schimmer" gleich in mehreren Sprachen parat - die sie dazu noch ziemlich gut beherrschen. Etwas die Nase kräuseln dürfen die Deutschen hingegen über die eher sprachenfaulen Italiener, Spanier - und eben Engländer.

Mit dem Platz im Mittelfeld sind Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft angesichts eines zusammenwachsenden Europas und der zunehmenden Internationalisierung von Wirtschaft und Kultur aber nicht zufrieden. "Wir müssen besser werden, nicht nur, um konkurrenzfähig zu bleiben, sondern auch, um unsere interkulturellen Fertigkeiten zu stärken", drängt Wolfgang Mackiewicz. Er ist Sprachwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Vorsitzender des Europäischen Sprachenrates. Auch für Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn gilt die Fähigkeit, sich in einer anderen Sprache zu verständigen, als "Schlüsselqualifikation" - und sie macht deshalb im "Europäischen Jahr der Sprachen" fürs Vokabellernen kräftig Werbung.

Ein Reklamefeldzug, dem Taten an den Schulen folgen sollen. Denn die Tendenz zum deutschen Mittelmaß in Sachen Sprachen hat vorwiegend dort ihren Ursprung. Laut einer Studie des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW) in Köln lernen deutsche Schüler an allgemeinbildenden Schulen durchschnittlich 1,2 Fremdsprachen. Bei den Finnen liegt die Quote bei 2,4, in Luxemburg gar bei knapp 3, und sogar Frankreichs Pennäler haben mit 1,7 Fremdsprachen die rechtsrheinischen Altersgenossen überrundet.