Thierse: Guten Morgen Herr Remme.

Remme: Herr Thierse, viele Menschen auch hier in Deutschland haben die Bilder vom vergangenen Dienstag noch im Kopf. Sie warten auf die Antwort der Vereinigten Staaten und haben Angst vor einem Krieg. Können Sie diese Ängste nachvollziehen?

Thierse: Die Ängste sind schon verständlich, denn in den Herzen und Köpfen der Deutschen, der Europäer ist ja die kollektive Erinnerung an die Furchtbarkeit von Kriegen, weil viele der jetzt noch lebenden, aber auch der nach ihnen folgenden Generation wissen, was ein Krieg bedeutet. Also insofern ist das verständlich und nicht unsympathisch, dass es Besorgnis und dass es Ängste gibt. Ich meine aber, dass die Angst vor einem Krieg, vor einer möglichen Katastrophe nicht die Betroffenheit verdrängen sollte, dass die Katastrophe ja schon stattgefunden hat, die über 5000 Toten, und dass in bestimmter Weise eine Art von Krieg schon begonnen hat.

Remme: Wird sich dieser Staat, diese Gesellschaft durch den Anschlag nachhaltig verändern, oder sind das Reaktionen in Krisenzeiten?

Thierse: Das kann ich nicht vorhersagen. Wir alle haben ja das beklommene Gefühl, dass seit dem vergangenen Dienstag die Welt sich wirklich verändert. Wir müssen dem Bedürfnis, dem verständlichen, dem wichtigen Bedürfnis nach mehr Sicherheit, nach mehr Schutz vor solchen terroristischen Angriffen verantwortlich nachkommen. Das ist die Pflicht der Politiker. Dass dabei auch diskutiert wird, welche Maßnahme ist angemessen und welche nicht, das ist richtig. Man sollte wie ich finde nach einem einfachen Leitsatz verfahren. Wir dürfen die Freiheit nicht so verteidigen, dass sie auf der Strecke bleibt, aber schränkt etwa die Einführung eines bewaffneten Flugbegleiters unsere Freiheit ein. Die starke Kontrolle gerade auch ausländischer oder von Ausländern bestimmten Religionsgemeinschaften, ist das ein Anschlag auf die Freiheit und so weiter. - Ich glaube das alles nicht. Das sind vernünftige Maßnahmen, die für mehr Sicherheit sorgen sollen. In dieser ganz nüchternen Weise sollte man auch debattieren und die Entscheidungen treffen.

Remme: Nehmen wir eine Maßnahme mal heraus. Wie sinnvoll ist zum Beispiel die Regelanfrage für Visa-Anträge aus bestimmten Ländern? Besteht da nicht wieder die Gefahr, dass Leute eben wenn es eine Gruppe ist, auf ein bestimmtes Land hinaus ausgebreitet, unter Generalverdacht gerät?

Thierse: Das ist sicher eine problematische Frage. Man muss wissen: anlassbezogen, verdachtsbezogen sind solche Nachfragen auch sinnvoll. Dort sollte man mehr als bisher vorhandene Informationen auch nutzen. Es hat doch etwas, wenn ich das so sagen darf, in bestimmter Weise Schizophrenes, wenn auf der einen Seite Informationen gesammelt werden, sie aber auf der anderen Seite nicht verwendet werden dürfen.