War es eher eine glanzvolle Feier des Abschieds, die Berlin mit der offiziellen Eröffnung des Museums im Libeskind-Haus erlebte? Die Beschwörung einer verlorenen Welt, über der in unsichtbarer Schrift der Titel jenes melancholischen Fontane-Buches geschrieben steht: Unwiederbringlich? Oder ist es die Hoffnung auf einen Anfang? Der Museumsdirektor Michael Blumenthal gab seinen Gästen beim Galadiner am Eröffnungstag ein stolzes Wort auf den Weg: Durch die Anerkennung der Vergangenheit, durch das Jüdische Museum und andere Gedenkstätten in der Hauptstadt habe Deutschland ein Beispiel gegeben und das moralische Recht gewonnen, seine Stimme im weltweiten Kampf gegen den Rassismus, für religiöse Toleranz, für die Rechte der Minoritäten überall in der Welt vernehmbar zu machen. Das freilich ist etwas anderes als die Neigung zur nationalen Selbsterhebung, die sich aus diesem Anlass in manchen Zeitungen plus-ternd bemerkbar machte.

Der 9. September mag in der Tat einer der seltenen Augenblicke sein, in denen die zweite deutsche Republik sich selbst zu erkennen und zu feiern entschloss. Das Museum bedeutet darum am Ende mehr als der Wald der Trauerstelen des Mahnmals, weil es - nach dem Willen Michael Blumenthals, seiner Helfer, vor allem des ersten Kulturstaatsministers, der das Werk in einer Bundesstiftung auffing - eine Mitteilung des Lebens sein soll, die sich an die Lebenden wendet.

Oft genug wurde Libeskinds Architektur als das eigentliche Mal des Gedenkens gerühmt, kraftvoller, schärfer akzentuiert, bezwingender, als es jedes andere Projekt jemals sein mag - dank der aufschreckenden Form eines versteinerten Blitzschlags. Trotz des gefrorenen Schmerzes in den dunklen Korridoren und trotz der voids, in denen jede Regung erstarrt, ist Libeskinds Schöpfung ein Bauwerk von triumphierender Vitalität: Die einzige architektonische Leistung in der zu rasch und zu arrogant aus dem Boden gestampften Hauptstadt, die es verdient, groß genannt zu werden. Alle Welt fürchtete, dass diese "begehbare Skulptur", die als leeres Gemäuer an die 400 000 Besucher anzog, durch die Nutzung zugrunde gerichtet würde (denn immerhin zeigt die Ausstellung an die 4000 Exponate, darunter 1600 Originale).

Der erste Blick auf das belebte Museum widerlegt die Sorge. Drei Korridore durchschneiden das Untergeschoss: die "Achse des Exils" (mit den eingelassenen Vitrinen, in denen Zeugnisse des Geschicks ausgetriebener Familien gesammelt sind, dazu die schlichten Aufschriften mit den prominentesten Zielen der Flucht); der "Garten des Exils" mit seinen schiefen Ebenen, die unser Gleichgewicht so seltsam bedrohen; die "Straße der Vernichtung" (auch sie von Vitrinen mit Dokumenten von beispielhaften Schicksalen gesäumt); der "Holocaust-Turm", ein völlig nacktes, drei Stockwerke aufragendes graues Gelass, durch eine Metalltür verschlossen und nur von einem schwachen Oberlicht aus schlitzartigen Schächten beleuchtet - ein Ort der Verlassenheit, dem keiner unbewegt entkommt; schließlich die "Achse der Kontinuität", die auf eine lange Treppe zuführt, von der sich die Zugänge zu den Ausstellungsräumen verzweigen. Das alles ist unversehrter Libeskind, in seiner elementaren Wirkung nicht um ein Jota gemindert.

Droben fügt sich die Innenarchitektur der Exponate in der Regel behutsam in das komplexe Verwirrspiel der Linien und Flächen, das der Baumeis-ter durch die Anordnung der Fensterschlitze, die Unregelmäßigkeit der Wände, die unvermuteten Winkel, die überraschenden Fluchten geschaffen hat. Man könnte von einer überhöhten Wirklichkeit sprechen, die sich in der Illustration von 2000 Jahren jüdisch-deutscher und deutsch-jüdischer Geschichte niemals verliert. Blumenthals Entscheidung, den Neuseeländer Ken Gorbey, der weder Jude noch mit der tragischen, wirren und oft kranken Geschichte Europas allzu vertraut ist, zum Chefkonzeptor des Museums zu bestellen, war mutig, und sie war klug. Der Fremde hat gelernt, was er lernen musste. Er bewies die geforderte Sensibilität, und er ließ sich nicht durch die Fülle der Materie überwältigen. Er traf eine strenge und manchmal überraschende Auswahl, und er verstand, dass sich eine effektive Didaktik jeder Schulmeisterei enthält.

Mehr als flüchtige Kenntnisse der deutschen Geschichte, die mit jener der Juden verwoben ist, durfte er nicht voraussetzen. Blumenthal und Gorbey war auf schmerzhafte Weise deutlich, dass die Mehrzahl der künftigen Besucher kaum je einem Juden leibhaftig begegnet und von keiner Ahnung berührt ist, was es mit der Religion der Juden, ihren Traditionen, ihrer Geschichte auf sich hat - nur noch selten durch christliche Bildung, für die das Alte Testament immerhin eine belebte Welt war, wenigstens von fern her vertraut.

Kein jüdisches Disneyland