Osama bin Mohammad bin Laden ist der weltweit meistgesuchte Terrorist und wird von amerikanischen Experten als Drahtzieher hinter den Flugzeuganschlägen von New York und Washington verdächtigt. Er wurde 1957 in Riad als Sohn einer reichen saudischen Familie geboren. Seit Beginn der Neunziger Jahre gilt er als Kopf antiamerikanischer Terroraktivitäten islamistischer Kommandos. Doch seine Bedeutung wird möglicherweise überschätzt, meinen die Autoren dieser Analyse, die vor einiger Zeit in der New York Times erschien.

Selbst wenn Osama bin Laden morgen im Gefängnis säße, bliebe die terroristische Bedrohung bestehen, sie würde auch ohne ihn wachsen. Um das zu verdeutlichen, werden hier einige Mythen um bin Laden geprüft.

Mythos 1: Osama bin Laden ist alleiniger Schöpfer seiner Organisation. Ohne ihn wären seine Anhänger verloren.

Bin Ladens Leistung bestand nicht allein darin, in mehr als fünfzig Ländern selbstständige Zellen zu schaffen, sondern auch darin, die Verbindungen zwischen jenen extremistischen Gruppen zu vertiefen, die bereits überall in der Welt terroristische Ziele verfolgten. So war unter den Männern, die 1999 ein Flugzeug der Air India mit dem Ziel entführt hatten, drei kaschmirische Aktivisten frei zu pressen, mindestens einer ein Anführer der Gruppe Harakat ul-Ansar, die in bin Ladens Lagern in Afghanistan ausgebildet wurde. Im Kaukasus stand die kleine Gruppe von Islamisten, die in Dagestan einen Aufstand gegen Rußland angezettelt hatte, unter dem Kommando eines Saudis, der mit bin Laden in Verbindung steht.

Schließlich behaupten amerikanische Beamte, dass Achmed Ressam, der in Port Angeles im Bundesstaat Washington festgenommen worden war, angeblich mit einer Wagenladung voll Sprengstoff, Kontakt zu der islamistischen Guerilla-Organisation hat, die gegen die algerische Regierung kämpft. Auch diese Gruppe wurde in bin Ladens Lagern ausgebildet. Bin Ladens Leistung besteht darin, all diesen Kämpfern - und Radikalen aus einer Reihe weiterer Länder - zu Waffenbrüdern gemacht zu haben.

Mythos 2: Osama bin Laden definiert die weltweiten Ziele aller islamischer Terrorgruppen.

Er wählt die Ziele und bestimmt die Taktik, die langfristige Strategie aber war schon vor ihm definiert und wird es nach ihm geben. Bin Laden reitet lediglich auf einer mächtigen und wachsenden Welle religiös motivierten Hasses gegen den Westen. Dieser Hass trieb Scheich Omar Abdel Rachman und Ramzi Achmed Jusef dazu, den Bombenanschlag auf das World Trade Center im Jahre 1993 zu planen, eines von mehreren Verbrechen, für das sie in den Vereinigten Staaten im Gefängnis sitzen. Schon bevor bin Laden 1998 seine Fatwa gegen Amerika verhängte, mit der Aufforderung an alle Moslems, "Amerikaner und deren Alliierte zu töten", hatte Scheich Rachman zu einem heiligen Kampf gegen Amerikas Interessen aufgerufen. Diese Terroristen sind hochmotiviert, jedoch nicht, weil sie Personenkult treiben, sondern weil sie überzeugt sind, selbst die Avantgarde in einer göttlich gesegneten Schlacht zur Befreiung moslemischem Territoriums zu sein.