Loslassen lernt man am besten in der Sauna: Da kann man zusehen, wie das Selbst zu tropfen beginnt und am Boden zerrinnt; und man kann erfahren, wie gut es tut, danach erschöpft nur da zu liegen, dahinzudämmern und zu träumen, kurz: nur passiv zu sein. Das Passivsein müssen moderne Menschen, nicht nur Konzernchefs, mühsam erst wieder lernen, wollen sie nicht im Aktivismus untergehen und sogar noch aktiv ins Grab fallen.

Keine Frage, aktiv sein heißt jung sein, und manche bleiben lange jung, aber irgendwann empfiehlt es sich, mit dem Altern anzufangen, sonst könnte es eines Tages zu spät dafür sein. Kaum ein Ort ist besser geeignet als die Sauna, dieses "Außerhalb" mitten im Leben, um sich in der Kunst des Alterns zu üben, Rückschau zu halten, Erfahrungen zu sortieren, zu deuten und zu interpretieren, also die Hermeneutik der Existenz zu betreiben - eine geistige Tätigkeit, die sich in der Passivität von selbst entfaltet, während das Selbst körperlich gepflegt wird. Passivität erschließt die Fülle des Lebens. Wer nur die Aktivität kennt, kennt nur das halbe Leben. Wer sein ganzes Leben nur dem Machen gewidmet hat, tut daher gut daran, noch mit dem Lassen sich zu befreunden. Ideal wäre, viel früher schon darüber zu verfügen, um es für die gesamte Gestaltung des Lebens zu nutzen: Im Lassen fügt vieles sich von selbst, daher ist es klug, auf aktive Zugriffe oder Eingriffe zumindest zeitweilig zu verzichten, Dinge nicht stets beeinflussen zu wollen, sondern auch auf sich beruhen lassen zu können und nicht immer nur zu führen, sondern auch sich führen zu lassen.

Das Lassen zu erlernen ist die Grundlage der Gelassenheit. Gelassenheit ist die Fähigkeit zur Passivität, die hier jedoch nicht als neue Norm erscheinen soll, sondern, neben der Aktivität, als eine Option. Schon aus Gründen der Lebenskunst kann es sinnvoll sein, sich versuchsweise auf einen Passivismus einzulassen, ein Passivsein um des Passivseins willen, um in den Besitz dieser Option zu kommen, und in der Sauna kann man das trainieren. Immer mehr Menschen suchen in der Moderne nach einem Raum, der der vorbehaltlosen, vorurteilsfreien Besinnung und Selbstbesinnung offen steht und in dem die Nachdenklichkeit wieder gelebt werden kann: Hier ist er und wird doch meist nur zum Schwitzen genutzt.

Es handelt sich ja nicht nur um das persönliche Problem einzelner Individuen. Die gesamte Konzeption der Moderne zielt vielmehr seit zweihundert Jahren auf die alleinige Legitimation der Aktivität, deren Negation verwerflich erscheint - ein Erbgut des westlichen Christentums, während das östliche Christentum die Passivität legitimiert. Dem Aktivierungsprogramm des modernen Lebens sollte aber ein Passivierungsprogramm entsprechen, um hin- und hergehen zu können zwischen diesen beiden Polen. Das fehlt im Grunde der gesamten Gesellschaft, und nur Individuen können es ändern: wieder Gelassenheit zu erlernen. Spätestens das Altern könnte zum Anlass genommen werden, dies zu tun, um schließlich aus weiser Distanz, mit langem Atem die Dinge sehen zu können und die Kurzatmigkeit des jeweiligen Tages zu konterkarieren.

Eine ganze Kultur des Passivismus, des vorsätzlichen Heraushaltens wäre neu zu begründen, um dem blinden Aktivismus die Waage zu halten. Ob ein ehemaliger Weltkonzernchef dazu seinen Beitrag leisten wird? Das Leben aber, als wäre es selbst ein Subjekt, verfügt über Mittel und Wege, früher oder später die Passivität zu erzwingen.