Belfast

Billy Mitchells Augen stehen nie ganz still, suchen ständig einen neuen Halt. Und doch strahlt sein gütiges Gesicht eine fast ansteckende Wehmut aus. Ganz selten huscht ein kurzes Lachen darüber. Der 60-Jährige scheint noch nicht wieder ganz angekommen zu sein in der Welt, von der er 14 Jahre lang weggeschlossen war. Der ehemalige Kommandant der protestantischen nordirischen Terrororganisation Ulster Volunteer Force (UVF) saß von 1976 bis 1990 wegen Doppelmordes im Gefängnis. Und jetzt wirft er ausgerechnet dem Katholiken Tommy McKearney eines seiner seltenen, gehusteten Lachen zu.

Tommy McKearney, 48, Ex-IRA-Aktivist, 1977 verurteilt zu 20 Jahren wegen des Mordes an einem britischen Soldaten, lächelt sanft zurück. Ab und zu sticheln sich die beiden noch wegen ihrer Vergangenheit als verfeindete Terroristen. In den siebziger Jahren hätten sie sich gegenseitig als "legitime Ziele" bezeichnet. Heute sitzen sie einträchtig nebeneinander wie zwei, die, ohne große Worte darüber verlieren zu müssen, wissen: Es war alles ein Fehler.

Diese Einsicht zu haben ist in Nordirland das eine. Sie mit dem Gegner zu teilen und sogar öffentlich zu äußern etwas ganz anderes. Mit einem bislang einzigartigen Vorhaben versuchen Mitchell und McKearney, die Protestanten und Katholiken vor allem aus der Arbeiterschicht davon zu überzeugen, dass es zwischen ihnen mehr Verbindendes als Trennendes gibt. The Other View (Die andere Sicht) haben Mitchell und McKearney die Zeitschrift getauft, die sie seit einem Jahr herausbringen. In dem Blatt, mittlerweile liegt die fünfte Nummer vor, finden ehemalige Gefangene beider Lager ein Meinungsforum, in dem sie mit alten Vorurteilen aufräumen und auch unpopuläre Ideen für einen dauerhaften Frieden diskutieren. Da erfährt man, dass der irische Nationalheilige St. Patrick gar "kein Katholik im heutigen Sinne" war und deswegen "uns allen gehört". Oder dass im vermeintlich von der IRA unterwanderten Gälischen Athletikverband auch Protestanten Sport treiben. Und ein ehemaliger IRA-Kämpfer stellt in einer Debatte über die britische Monarchie entrüstet fest, dass es Katholiken noch immer verwehrt ist, den englischen Thron zu besteigen: "So kann das doch im 21. Jahrhundert nicht bleiben."

Jugendperspektive: Paramilitär

Schön, sagt der Ex-IRA-Mann Tommy, wenn auch ökumenische Kaffeekränzchen in noblen Vororten von Belfast feststellen, dass man, hach, ja eigentlich ganz friedlich zusammenleben könnte. Wirklich schwierig aber sei es, die Menschen in den umkämpften Arbeitersiedlungen, in denen jedes Wochenende Molotowcocktails und Rohrbomben fliegen, davon zu überzeugen. Gerade darin sehen Mitchell und McKearney die Hauptaufgabe. Denn es sind vor allem Perspektivlosigkeit und fehlendes Selbstwertgefühl, die viele Jugendliche in die Arme der Paramilitärs treiben. Neue Rekruten stammen zumeist aus Vierteln, in denen eine Arbeitslosigkeit zwischen 25 und 50 Prozent herrscht. In Twinbrook, einem besonders verarmten Stadtteil von Belfast, haben 54 Prozent aller katholischen Jugendlichen unter 24 Jahren keine Ausbildung. Auf der protestantischen Seite sieht es nicht wesentlich besser aus. Die einst stolze Belfaster Werft, in den sechziger Jahren noch Arbeitgeber für fast 20 000 Protestanten, beschäftigt heute gerade noch 1800 Menschen. In Arbeiterviertel gehen die meisten der 2000 Exemplare von The Other View. Bezahlt wird der Druck vom EU-Fonds für Frieden und Versöhnung. Schüler lesen die Zeitschrift ebenso wie Kommunalpolitiker, Exterroristen und Studenten. Trotz aller Annäherung: Mit der frontenübergreifende Zusammenarbeit gehen die Herausgeber von The Other View nicht nur das Risiko einer politischen Ächtung ein. Die beiden Zeitungsgründer wollen schon ziemlich genau wissen, wer sie da besuchen kommt. Angst, sagen sie, haben sie nicht, aber sie wären nicht die Ersten, die von Prügelkommandos der IRA wieder auf den "richtigen" Kurs gebracht werden sollten.

Tommy McKearney war gerade 18, als die britische Regierung im August 1971 anfing, massenhaft Katholiken ohne Gerichtsurteil einzusperren. In seinem Heimatort Moy in der Grafschaft Tyrone erlebte der Sohn einer Arbeiterfamilie, wie vor allem junge, der IRA-Mitgliedschaft verdächtige Leute kurzerhand von der Armee auf Lastwagen abtransportiert wurden. In den nächsten fünf Jahren sperrten die Briten über 2000 Katholiken in das Internierungslager von Long Kesh südwestlich von Belfast. Tommy hatte gerade seinen Schulabschluss in der Tasche, aber er fand, dass es jetzt Wichtigeres gab als ein Hochschulstudium. Er trat der IRA bei in einer Zeit, da aus blindwütigen Gefechten zwischen Protestanten und Katholiken ein blutiger Bürgerkrieg wurde. Allein 1972 starben in Ulster 470 Menschen bei Bombenanschlägen und Schießereien. 1975 lockte McKearney einen Postboten, der als Reservist beim britischen Ulster-Regiment eingeschrieben war, in einen Hinterhalt und erschoss ihn. Kurz darauf wurde er verhaftet: 20 Jahre Gefängnis, lautete das Urteil.