Böse Spekulationen. Wenn alles gut geht, werden der 13.8.2061, der 28.3.2125, der 22.2.2222 und der 28.3.2375 ganz normale Tage sein, die eines gemeinsam haben: Man kann an jedem von ihnen die Burchardi-Kirche zu Halberstadt am östlichen Rande des Harzes aufsuchen und einen Bruchteil des längsten Orgelstückes der Geschichte hören. Niemand muss sich beeilen, denn erst am 4.9. 2640 wird es enden, und zu spät kommen ohnehin schon alle, die nicht dabei waren, als es am 5.9. 2001 begann.

639 Jahre für ein Musikstück! Ausdauernde Hörer nehmen gelegentliches Einschlafen hin; allein das Entschlafen gilt es zu verzögern.

Gespielt wird Organ2/ASLSP von John Cage, 1987 mithilfe von Zufallsoperationen komponiert und durch Länge zunächst nicht aufgefallen. Vier DIN-A4-Seiten misst die Partitur, die Uraufführung dauerte seinerzeit kaum eine halbe Stunde.

Erst als sich Orgelfreunde und Cage-Exegeten 1997 auf einer Tagung im schwäbischen Trossingen mit der Frage beschäftigten, wie denn die Spielanleitung ASLSP - as slow as possible - eigentlich zu verstehen sei, gewann das Stück seine enorme Dimension. In Halberstadt fanden sich eine leer stehende Kirche, ein enthusiasmierbarer Stadtrat und ein historisches Faktum, das die exakte Dauer der Aufführung festlegen half: 1361, 639 Jahre vor 2000, war hier die erste moderne Orgel Europas entstanden.

Los ging's dann tatsächlich am Dienstag, dem 4.9.2001, abends um kurz nach halb zehn, um 9.36Uhr genau, weil das so schön permutierte. Hunderte waren herbeigeströmt, Einheimische und Fremde, ein gesundheitsgefährdender Herbstwind zog durch die Ritzen des 700 Jahre alten Gemäuers. Musiker des Nordharzer Städtebundtheaters hatten sich ebenso auf den großen Moment vorbereitet wie das Halberstädter Ballett. Die letzten Stunden vor dem Tag, an dem der Komponist 89 Jahre alt geworden wäre, sollten der Einstimmung auf die nächsten 639 Jahre dienen.

Nymphen in Badeanzügen vergossen Wasser, aus dem ja immer wieder das Leben gekrochen kommt, junge Adonisse hantierten mit Steinen, auf die man ja immer noch glaubt bauen zu können. Das war recht symbolisch, ein Gepütscher und Gepolter, und gelegentlich erklomm ein älterer beleibter Herr die Bühne, der Berliner Cage-Apostel Heinz-Klaus Metzger, der dem Tantra der Tänzer/innen mit sonorer Stimme das Tao des großen Meisters gegenüberstellte. Höhepunkt der Minuten vor Mitternacht war ein gemeinsames Lauschen des Publikums. Man versuchte, durch bloßes Schweigen jene lärmerfüllte Stille herzustellen, die John Cage in seinem legendären Nichtstück 4'33'' so eindrucksvoll beschworen hatte: Niemand spielt, und doch ist Musik im Raum.

Um null Uhr setzte das Gebläse ein, der Orgelmotor. Er stellt den Wind bereit, für später, für die Pfeifen, wenn dann mal welche da sind. Noch sind keine da, denn das Stück beginnt mit einer Pause von anderthalb Jahren. Erst am 5.1.2003 werden die ersten, zwei Jahre lang erklingenden Töne zu hören sein, erst dann werden die nötigen Pfeifen - und nur sie - installiert sein. Über die Jahrhunderte soll sich der Innenraum der Kirche in einen Ozean der Pfeifen verwandeln.