Es ist 8 Uhr morgens. Ein wolkenloser Himmel strahlt über München, in der Ferne glänzen Berge. In den Zimmern der Station F10 des Universitätsklinikums Großhadern aber sind die Blicke nach innen gekehrt. Hier ringen Patienten mit einem unsichtbaren Feind: Krebs. Auf dem fensterlosen Gang beugt sich Michael Hallek mit drei Assistenzärztinnen über Patientenakten. Der Onkologe hält heute Visite. Es gilt, rasch die Kurven der Kranken nach Auffälligkeiten zu durchforsten. Routine eines Routiniers. Erholen sich die Blutwerte, wächst der Tumor trotz Chemotherapie weiter? Hallek saugt sekundenschnell Informationen auf. Wem muss heute gesagt werden, dass er sterben wird, wem darf die Medizin noch oder wieder Hoffnung machen?

Ein Tag im Leben eines Multitalents. Hallek ist Oberarzt in Großhadern, Forscher am Genzentrum der Universität und als Unternehmer tief in der Welt der Biotechnik verankert. Der heute 42-Jährige hat Medigene, eines der großen deutschen Bio-Tech-Unternehmen, mitgegründet. Mit seinen Aktien könnte er längst einen heimlichen Traum verwirklichen: in Frankreich Wein anbauen. Doch Hallek will etwas anderes. Hartnäckig verfolgt er sein ganz privates Ziel: die Bekämpfung der chronisch lymphatischen Leukämie, CLL. Seit Jahren will er diesem Krebs zu Leibe rücken, unter anderem mit einer Gentherapie. Ohne diese Hoffnung wäre für ihn der Alltag der Station F10 nur schwer zu meistern.

8.20 Uhr. Eintritt ins erste Patientenzimmer. Die Kurven aus den Krankenakten gilt es jetzt in verständliche, menschliche Worte zu übersetzen. Auf einem Bett sitzt erwartungsvoll ein Bündel Mensch, von schwerer Blutarmut gezeichnet. Handschlag, herzliche Begrüßung, dann der Schock: "Ich muss Ihnen leider sagen, dass wir nicht eine, sondern gleich drei schlechte Diagnosen für Sie haben." In den Blutzellen der Patientin wuchern drei verschiedene Tumorarten, eine medizinische Kuriosität. Schwer zu erklären, aber Hallek informiert ernsthaft und ehrlich, nimmt sich Zeit, die er eigentlich nicht hat. Denn der Terminkalender ist schon voll, vom frühen Morgen bis spät am Abend. Er erläutert in einfachen Worten, wie die Patientin behandelt werden könnte. Doch die sagt nur, sie sei ja schon lange krank und müsse bald wieder ihren Mann pflegen. Es gilt, behutsam zu verhandeln mit einem Menschen, der sich selbst opfern will für andere und dies gar nicht mehr kann. Mensch sein im Minutentakt. Am Nebenbett baut sich eine Patientin wie zum Appell auf. Sie hat ihre Chemotherapie überstanden, die Anzeichen von Blutkrebs sind verschwunden. Eigentlich möchte sie entlassen werden, sie fühlt sich gesund. Leider zeigen Laborwerte, dass die Zahl ihrer Blutplättchen rapide sinkt. Sie hat das schon gehört, will wissen, was sie dagegen tun kann. "Nichts, wir können vorerst nur warten", antwortet Hallek. Ungewissheit ist auch für Ärzte schwer auszuhalten. Aber wie einen Menschen beruhigen in fünf Minuten, der Todesangst spürt? Auf den Kinder und ein Beruf warten, das Leben eben? "Es ist eine Gratwanderung, Offenheit fällt oft schwer, denn sie kostet Zeit", gesteht er freimütig.

Ein Zimmer weiter sind erfreuliche Nachrichten zu überbringen. Eine junge Frau sitzt strahlend im Bett, ihr Mann blickt sie verliebt an. Dank Chemotherapie hat sie den Krebs vorerst überwunden, in ihrem Körper sind keine entarteten Zellen mehr nachweisbar. Hallek freut sich sichtlich, bleibt aber ehrlich: "Das sieht sehr gut aus, aber wir können nichts garantieren." Weiter ins nächste Zimmer. Im Kopf tickt die Uhr rascher. Im Genzentrum warten schon Professoren auf ihn. Zusammengerollt im Bett, döst eine Patientin vor sich hin. Hallek will vorbeigehen, da wacht die Frau auf, verwirrt. Er spricht beruhigend auf sie ein. Die Patientin ist aufgeklärt, doch heute sieht sie nicht, dass die Medizin ihren Tumor nicht stoppen kann. Schmerzen und Schmerzmittel trüben ihre Wahrnehmung. Es heißt einfühlsam erklären, Hilfe anbieten, Mensch sein. So viel Zeit muss sein. "Wenn ich stets den engen Zeitplan einhalte, fühle ich mich als schlechter Arzt", sagt Hallek später.

10.20 Uhr. Die Visite wird abgebrochen, einige "unproblematische Patienten" müssen auf den Besuch des Oberarztes verzichten. Weiter zum nächsten Termin. Aus dem Arzt wird der Schriftführer der Deutschen Arbeitsgemeinschaft Gentherapie. Heute soll die Satzung der Gesellschaft geändert werden. "Eigentlich ein rein formaler, aber wichtiger Akt", erklärt er, während wir vom Klinikum ins Genzentrum sprinten. Wiegt solch ein "formaler Akt" die Sorge um das Leben der Patienten auf? Fühlt er sich nicht zerissen zwischen dem Auftrag, schwer kranken Patienten zu helfen, und dem Wunsch, Krebs in Zukunft durch Forschung zu besiegen? "Ohne das Gefühl, wenigstens neue Wege zu versuchen, würde ich mit dem Leiden auf meiner Station oft schwer klarkommen." Das Leiden der Patienten als Inspiration, Motor, auch das mag eine Form der Verdrängung des täglichen Sterbens sein.

Im Genzentrum warten die Forscherkollegen. "Ich muss mich entschuldigen", es wird sein Standardsatz an diesem Tag werden. Hallek schaltet um, referiert über die geplante Satzungsänderung. Um die Gentherapie, das Heilen mit Genen, steht es nicht zum Besten. Es gab viele Misserfolge, sogar einen Todesfall in den USA. Die beiden ersten Vorsitzenden der Deutschen AG Gentherapie, Roland Mertelsmann und Friedhelm Herrmann, waren in Fälschungsskandale verwickelt. Die Gentherapie machte negative Schlagzeilen, dann gar keine mehr. Doch langsam wendet sich das Blatt, weltweit gibt es erste zaghafte Erfolge. Hallek plädiert für einen ehrlichen Umgang mit dieser experimentellen Therapieform, will auch gegenüber Medien "Realismus propagieren". Dazu müsse die Zunft der Gentherapeuten für "selbst verwaltete Transparenz" sorgen. Deshalb soll die neue Satzung erstmals den Ausschluss von Mitgliedern bei wissenschaftlichem Fehlverhalten erlauben. Außerdem werden alle Studienleiter verpflichtet, ihre Gentherapiestudien bei einem zentralen Register anzumelden. "Wir wollen den Patienten und der Öffentlichkeit zeigen, dass wir unsere Daten nicht verstecken."

11.45 Uhr. Kaum ist die Sitzung zu Ende, warten zwei Mitarbeiterinnen im Genzentrum auf ihren Chef. Termine sind zu koordinieren, "ganz dringend". Dann der Sprint zurück in sein Büro im Klinikum Großhadern. Dort warten dringende Telefonanrufe, jemand will ihn als Redner verpflichten, eine Tagung ist vorzubereiten. In Halleks Büro reihen sich die Fachzeitschriften, es ist eng, karg, unpersönlich. Einzig über dem Schreibtisch hängt ein Plakat, das der Onkologe aus Sizilien mitgebracht hat. Darauf prangt ein großes Ei. Auf Italienisch steht darüber: "Lasst uns eine Gewissheit ausbrüten - die Leukämie heilbar machen." Das motiviert ihn: "Ich mag die Idee, Forschung soll Therapien wie Eier ausbrüten." Wieder klingelt es, dringender Anruf eines Klinikarztes. Während Hallek telefoniert, unterschreibt seine Hand Briefe. Wortfetzen wirbeln durch den Raum "Tumorlast ist hoch ... Krankheitsaktivität ... Verdacht ... Sie würden also behandeln ...? Verstehe." Der Gesprächspartner ist offenbar erleichtert, als Hallek sich mit dem Satz verabschiedet: "Ist Ihnen mit einer Verlegung geholfen?" Morgen wird wieder ein todkranker Mensch auf seiner Station eintreffen. "Denken Sie an die Krankenakte!", ruft er noch.