Auch am sechsten Tag danach sind die Titelseiten der Tageszeitungen fast ausschließlich den Anschlägen in New York und Washington gewidmet. Im Focus des Interesses steht der erwartete Militärschlag der Amerikaner, erst darunter rangieren die Frage der deutschen Beteiligung sowie die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen der Ereignisse vom 11. September. "USA planen jahrelangen Krieg", heißt es im Aufmacher der "Frankfurter Rundschau", "Bush schwört USA auf 'langen Krieg' ein", schreiben wortgleich die "Süddeutsche Zeitung" und der "Tagesspiegel" auf der Eins. Und: "Bush kündigt 'langen Krieg' an", meldet selbst das "Handelsblatt". Dazu stellen sich aber auch mahnende Stimmen: "Papst warnt Bush vor Rache", textet die "Welt" im Aufmacher, "Rau gegen den deutschen Kampfeinsatz", meldet die "tageszeitung" an gleicher Stelle. Etwas verschlafen wirkt die Headline der "Frankfurter Allgemeine: "Washington fordert von Afghanistan die Auslieferung Bin Ladins".

Independence Days: USA vor langem Anti-Terror-Krieg

Vor allem Besonnenheit ist es, die vor dem Hintergrund eines baldigen Militärschlags besonders Deutsche Politiker fast stereotyp von den USA fordern. Aber welche inhaltliche Bedeutung hat dieser Begriff angesichts eines Terroranschlages, der die Grenzen zivilisierter Vorstellungskraft eingerissen hat, der Bilder liefert, die sich am ehesten irgendwo zwischen surrealistischer Videokunst und Katastrophenfilm einordnen lassen? Johann Michael Möller versucht in seinem Titel-Kommentar für die "Welt" den "vielen Stimmen, die uns sonst mit einer Suada von Erklärungen und Begründungen drangsalieren", eine Antwort zu geben: "'Die oder wir' heißt die Devise gegenüber einer gar nicht so großen Gruppe von Feinden der westlichen Welt, die auch ihre Religion missbraucht. Sich ihnen erfolgreich in den Weg zu stellen, erfordert in jedem Fall Besonnenheit. Aber eben auch Mut." Deutlich für einen Militärschlag der USA gegen die Urheber des Terrors sprechen sich auch andere Kommentatoren aus. "Es geht im Kern nicht um Bestrafung, Rache oder Vergeltung", schreibt Claus Jacobi in der "Bild". "Es geht um die Existenz unser Zivilisation in unser bisherigen Form." Und selbst in der liberalen "Süddeutschen Zeitung" ist zu lesen: "Diese Bedrohung rechtfertigt und verlangt eine entschlossene Antwort. [...] Es ist, so martialisch das klingt, der Zeitpunkt gekommen ,den aufgezwungenen Kampf anzunehmen. Die Antwort auf die Angriffe von New York und Washington wird also kraftvoll sein müssen - als Vergeltung, die abschreckend wirkt, vor allem aber auch aus Gründen der Prävention." Nur scheinbar in Vergessenheit gerät dabei die Tatsache, dass es über die Urheberschaft Bin Ladens an den Anschlägen nur Vermutungen, aber keine Beweise gibt. "Bin Laden ist der Feind, der einen Namen hat", heißt es weiter in dem Kommentar der "Süddeutschen Zeitung". "Diesen Namen hat ihm nicht eine rachsüchtige US-Regierung gegeben - er hat sich seinen Namen gemacht dadurch, dass er den USA explizit und immer wieder den Krieg erklärt hat."

Unentschieden: Deutsche Beteiligung an Militäraktionen?

Eine knappe Woche nach dem Anschlag in der USA werden in Deutschland Beileidsbekundungen und Solidaritätsadressen leiser. Sie weichen der Erkenntnis, dass angesichts der Tatsache, dass vier der Attentäter jahrelang unerkannt in Deutschland lebten, die Debatten um Zuwanderung und Sicherheit in Deutschland neu geführt werden müssen. Außerdem gilt es, den genauso blumigen wie entschlossenen Solidaritätsadressen nun entsprechende Taten folgen zu lassen. Peter Dausend stellt in einem Beitrag für die "Welt" nicht nur die entscheidende Frage: "Was passiert, wenn amerikanische Vergeltung so massiv ausfällt? Bleibt es dann bei der 'uneingeschränkten Solidarität'?" Dausend traut sich auch eine Bewertung zu: "Die Wucht des amerikanischen Gegenschlags wird wohl nicht nur neue Diskussionen auslösen, sondern auch das rot-grüne Bündnis erschüttern. Untergang im 'friendly fire' nicht ausgeschlossen." Und dabei dürfte eines sicher sein: Vor allem nach einer Neuordnung der bundesdeutschen Geheimdienste wird lautstark gerufen werden: "Deutschland ist [...] nicht hilflos", schreibt Gerd Appenzeller im Titelkommentar des "Tagesspiegel". "Wir haben uns zwar dieser Gefahr ausgesetzt, als wir den Sinn unserer Geheimdienste immer mehr in Frage gestellt haben. Dabei ist das Problem der Geheimdienste im Rechtsstaat nicht ihre Schnüffelei, sondern ihre oft erbärmliche Uninformiertheit."

NYSE: Börse in New York eröffnet wieder

Szenenwechsel: Um 15.32 Uhr MEZ, wird nach einer zweiminütigen Gedenkpause die New York Stock Exchange (NYSE) ihre Tätigkeit wieder aufnehmen. Die Wiedereröffnung der Börsengeschäfte soll nicht zuletzt ein erster größerer Schritt auf dem Weg zurück in die Normalität darstellen. "Es wird eine gekünstelte Normalität sein", meint dazu Torsten Krauel in einem Kommentar für die "Welt" und erinnert daran, dass es nur Meter neben der NYSE aussieht wie in Berlins Bankenviertel im Jahr 1945. "Der Stadt kann es mit dem Neuanfang nicht schnell genug gehen, sie fürchtet um ihre Steuereinnahmen", äußern sich dazu die Autoren Marc Hujer und Robert Jacobi in einer Analyse für die "Süddeutsche Zeitung" etwas zynisch. Von einer Symbolkraft der NYSE geht dagegen Nikolaus Piper in seinem Kommentar für die "Süddeutsche Zeitung" aus: Es geht darum, wie der globale Kapitalismus extreme Schocks verarbeiten kann. Es geht um den Selbstbehauptungswillen einer freien Gesellschaft." Und der dürfte es schwer haben: "Nicht die Sachschäden gefährden die US-Wirtschaft. Es sind die psychologischen Auswirkungen und hier der drohende Vertrauensverlust bei Investoren und Verbrauchern", schreibt Torsten Riecke in einem Kommentar für das "Handelsblatt".
Normalität hin, Symbolismus her. Es ist wohl tatsächlich Wunschdenken, dass nun wieder "Business as usual" aufgenommen werden könne. Schon angesichts der Tatsache, dass Print- wie TV- und Hörfunkmedien weltweit derzeit nur wenige andere Themen im Programm haben, kann davon keine Rede sein. Aber dass sich die Situation in den nächsten Wochen kaum abschwächen wird, dazu tragen nicht nur der erwartete Militärschlag der USA gegen Afghanistan bei. Es sind auch die zahlreichen Details aus dem Leben von Tätern wie Opfern des Anschlags, die jetzt öffentlich werden. Außerdem beschäftigt eine Frage die Retter im Trümmerfeld vor Ort, die die Dimensionen einer hoch zivilisierten Gesellschaft erneut sprengen könnte: Wie lange soll man noch Schaufel für Schaufel nach möglichen überlebenden graben? Ab wann darf schweres Räumgerät eingesetzt werden? Rein rechnerisch sind in Manhattan rund vier Millionen Tonnen Schutt abzutragen. Geschähe dies im bisherigen Tempo, so haben findige Journalisten errechnet, würde dazu mehr als ein Jahr benötigt werden. Deshalb wird in New York bald auch diese Frage zu beantworten sein: Wie soll mit den bisher nicht gefundenen Toten verfahren werden? Zumindest eine mögliche Antwort überschreitet wieder die bekannten Grenzen zivilisatorischer Vorstellungskraft.