Das dominierende Thema des Tages ist die Wiedereröffnung der New Yorker Börse (NYSE). "Notenbanken stützen Wall Street", titelt das "Handelsblatt" nüchtern. "Finanzwelt trotzt dem Terror", brüllt die "Welt". Auch die "Frankfurter Allgemeine" und der "Tagesspiegel" blicken in ihren Aufmachern gebannt auf die NYSE. Ansonsten beherrschen die Reaktionen der Taliban die Schlagzeilen. "Taliban bereiten sich auf Angriffe vor", schreibt die "Süddeutsche Zeitung". "Aufmarsch am Khyberpass" lautet die Variante der "tageszeitung". Die "Frankfurter Rundschau" scheint sich mit der Headline "Taliban beraten über bin Laden" selbst ein wenig Mut machen zu wollen, die "Bild", die in den vergangenen Tagen auch den Hass schürte, fragt scheinheilig: "Ist der Krieg noch zu verhindern?"

Kurssturz an der New Yorker Börse

Kaum war die Nachricht von dem Attentat auf das World Trade Center publik, mutierten einige Börsenmakler zu Aasgeiern und Leichenfledderern. Sie spekulierten auf steigende Öl- und Goldpreise und gegen die Aktien der Versicherungsgesellschaften. Sie zogen ihre Profite aus dem Terror bis die NYSE schließen musste. Selten war die menschenverachtende Logik des Kapitalismus deutlicher hervorgetreten als in diesen Stunden. Nach einer Zwangspause von drei Börsentagen eröffnete die NYSE nun gestern wieder ihre Tore. Erwartungsgemäß fielen die Kurse den ganzen Tag über ab, bis Börsenschluss um rund sieben Prozent. Schlimmeres hatten die amerikanische Notenbank und die Europäischen Zentralbank mit ihren Leitzinssenkungen verhindert. Wie das "Handelsblatt" in seinem Aufmacher berichtet, waren von dem Kursrutsch vor allem die Papiere der Versicherungs- und Luftfahrtbranche betroffen. Zugewinne verzeichneten vor allem Aktien von Rüstungs-, Pharma- und Telekommunikationskonzernen.

Die große Frage ist nun: Wie geht es weiter? Wird das Attentat eine weltweite Rezession auslösen? Die Kommentator wagen auch heute keine Prognosen. Sie verweisen auf die Nervosität unter den Händlern und die ohnehin schlechte Wirtschaftslage. Allein der Autor der "Frankfurter Allgemeinen" lässt ein wenig Hoffnung aufkommen, indem er ein stabilisierendes Strukturelement hervorhebt: "Die Globalisierung macht die Wirtschaft nicht nur verletzlich, sie schützt sie auch. Die Weltwirtschaft des 21. Jahrhunderts ist die Wirtschaft der Welt. Das heißt: Die Zahl und das Gewicht der Länder, die am reibungslosen Funktionieren der Weltwirtschaft interessiert sind, sind in überwältigendem Maße größer als die Handvoll von Staaten, die von religiös Verrückten oder politischen Desperados kommandiert werden."

Bushs markige Worte

Die "Welt" dokumentiert heute auf der Titelseite Auszüge aus Präsident Bushs Reden nach dem Attentat. Darunter befinden sich viele martialische, manchmal auch einfältig anmutende Aussprüche. "Es wird einen monumentalen Kampf des Guten gegen das Böse geben" (Washington 13.9.), "Jene, die Krieg gegen die USA führen, haben ihre eigene Zerstörung gewählt" (15.9., Camp David), "Wir werden einen Kreuzzug führen, um die Welt von Übeltätern zu befreien" (16.9., Camp David).

Vor allem die Verwendung des Begriffs Kreuzzug stößt bei dem Kommentator Bernd Pickert von der "tageszeitung" auf harsche Kritik. "Ein Kreuzzug, im historischen Sinne also ein missionierender Feldzug des christlichen Abendlandes: Wie passt das zusammen mit einem Diskurs über das friedliche Zusammenleben der verschiedenen Religionen in den USA, mit dem Aufbau einer internationalen Koalition gegen den Terror, an der sich möglichst viele arabische und muslimische Staaten beteiligen sollen? Es passt überhaupt nicht zusammen." Laut Pickert muss sich nach solchen Auslassungen niemand darüber wundern, dass unbescholtene Muslime in den USA nun plötzlich Morddrohungen erhalten. "Bis jetzt sind die Anschläge auf World Trade Center und Pentagon noch kein ‚clash of civilisations'. Wenn Bush weiter so daherredet, kann es einer werden."