In den Tagen danach erkennen wir erst: Nichts ist kollektiv - weder die Schuld noch das Leiden. Wir kennen nur wenige beim Namen, aber dieses namelose Leiden der ungezählten Opfer löst sich auf - in Wirklichkeit: es verdichtet sich in einem Einzelschicksal nach dem anderen. Was mag in jedem der Fluggäste vor sich gegangen sein, der - die Todesahnung vor Augen - noch seine Angehörigen angerufen hat? Wie sind die Hijacker mit jedem einzelnen der Piloten umgegangen, was wurde ihnen angetan? Was ist in jener Flugzeugkabine vor sich gegangen, in der die Passagiere sich in einer Abstimmung darüber verständigt haben, den Attentätern in den Arm zu fallen? - ein Todesmut, der ihnen selber am Ende wenig geholfen, aber denen das Leben gerettet hat, denen das Flugzeug als Bombe zugedacht gewesen war! Wie wird das Leben derer enden, die unter den Trümmern der Hochhäuser verschüttet liegen, und zu denen kein Helfer mehr vordringen kann - was werden ihre letzten Gedanken, Hoffnungen und Leiden sein?

Die großen Bilder und Einordnungen, die Markierungen des historischen Einschnittes - all das ist, in Grenzen, notwendig, sofern es nicht nur dem medialen Geschwätz dient. Und sofern es nicht zu Lasten der Wahrnehmung geht: Hier sind viele, aber immer wieder einzelne Menschen ermordet worden. Und wahrscheinlich sterben in den Trümmern immer noch - auch in dieser Minute - welche vor sich hin. Während wir darüber reden.

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