Ich habe schon Zyniker des Zeitungsgewerbes schäbig (und leider auch realistisch) lästern gehört: Tote beleben das Geschäft... Nein, der Gang in die Kirche hat andere Motive! Viele Menschen mit vielleicht längst abgerissenen Verbindungen zu real existierenden Kirche haben das unklare - und dann doch wieder sehr klare Bewusstein: Die Muster, mit denen wir uns sonst unsere Welt zusammenreimen, halten einer ernsten Zerreißprobe nicht stand. Wenn diese Zeitgenossen nun zur Katastrophenzeit in die Kirche gehen, hebt das nicht sogleich die Enttäuschung darüber auf, dass ihr alter Glaube und ihre alte Kirche nicht einmal im gewöhnlichen Alltag den normalen Belastungsproben Stand gehalten hatte. Aber es zeigt das tief verborgene Bedürfnis nach solchen wirklich belastbaren Sprach- und Deutungsräumen, nach einem Traum, der an keiner Wirklichkeit zerschellt. Und also: nach einer wirklichen Wirklichkeit. (Für eine Weile...)

Und nun wäre es die nur im jeden einzelnen Fall zu beantwortende Frage: Was haben die Kirchen den Menschen je um je wirklich zu sagen gehabt? - Hier nur ein paar unmaßgebliche Zufallsbeobachtungen aus dem Zwischenreich von Religion, Zivilreligion und Politik:
Lieder haben Worte - wenn man sie noch kennt:
Beim Gottesdienst in der Berliner Hedwigskathedrale, bei dem offenbar und aus Sicherheitsgründen die politische Klasse separat saß, sang das normale Kirchenvolk zumeist mit - von den hohen Damen und Herren nur wenige. Da mag vieles vergessen worden, manches gar nicht erst gelernt worden sein; immerhin gab es ja Gesangbücher. Aber Lieder, vor allem Lieder zeigen auch Emotionen. Politiker aber nicht!?

Worte haben ihren Platz - und gewinnen an Bedeutung allein durch eine neue Platzanweisung: Die Kundgebung vor dem Brandenburger Tor am Freitag begann mit Worten, die sonst ziemlich am Ende der Gottesdienste stehen. Eine amerikanische Sängerin rezitierte, rhapsodierend-psalmodierend, das Vaterunser: The Lord's Prayer . An dieser Stelle, an dieser so anderen Stelle, bevor alles andere zu Wort kam, die Sätze: "Vergib uns unsere Schuld wie auch wir vergeben unseren Schuldigern" - an dieser Stelle und diesem Zusammenhang entfalten diese archaischen Worte eine Wirkung, die alles andere in Frage stellt, auch die Neigung zur Selbstgerechtigkeit: "Und führe uns nicht in Versuchung..."

Worte haben ihr Gewicht - mehr als Wörter: Die interreligiöse Feierlichkeit in der National Cathedral zu Washington - für uns in manchen zivilreligiösen Anwandlungen vielleicht befremdlich - zeigte etwas Ähnliches an. Wann immer die Lektoren, Geistliche der verschiedenen Religionen und Konfessionen, "nur" aus ihren Heiligen Schriften vorlasen, wirkte dies - Sätze in ihrer Urkraft! - alle Mal stärker als jedes eigene, auf die aktuelle Situation gemünzte Wort - etwa, wenn Präsident Bush, dessen Stäbe nun doch dazu verdammt sind, Gegenschläge zu planen, den lb. Gott anrief, oder wenn Billy Graham seine Elementar-Weisheiten scheinbar griffig - und doch so hohl! - münzte. Aber sobald der Kardinal-Erzbischof von Washington die Seligpreisungen aus der Bergpredigt rezitierte, blieb einem - wiederum angesichts dieses mörderischen Zusammenhanges - der Atem stehen.

P.S.: Wenn die Tage einmal wieder blasser werden sollten, könnten auch die Prediger in den Kirchen daraus lernen: Dass die Worte, die sie haben, so viel mehr Vertrauen tragen, als die Wörter, die sie - und wir! - machen, Tag für Tag...

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