Schrecklich - wie schnell der Schrecken, auch der terroristische Schrecken nachlassen kann; und wie schnell er wieder von der vermeintlichen Banalität des Alltags überwuchert wird, wenn man zum Beispiel hört, dass Karlsruhe in der zweiten Liga 0:5 geschlagen wurde - oder war es anders? Ich höre da leider nicht so genau hin, weil mich auch jetzt noch Wichtigeres bewegt…
Wie gut - dass selbst der terroristische Schrecken schneller nachlässt, als wir es zunächst vermuten; und es wollen. Dann kommt man vielleicht auch wieder zu gezielterem Nachdenken. Und deshalb fallen einem auch wieder sarkastische Bemerkungen ein zu manchem, was in den vergangenen Tagen gesagt wurde.

Doch zur Sicherheit schicke ich einiges an Selbstverständlichkeiten voraus: Strafe muss, Rache darf nicht sein! Wer sich als Staat mit dem Terror auch unter Einsatz von Gewalt auseinandersetzt (und wo Selbstmordattentäter nicht einmal ihr physisches Leben schonen, kommt man um Gewalt leider nicht herum) - wo also zivilisierte Staaten zu Gewalt greifen müssen, müssen sie mindestens so zielgenau vorgehen, wie die - Terroristen. Daher: Rambo gilt nicht, sondern die Faustregel des deutschen Verwaltungsrechts: Ein staatlicher Akt ist zulässig, wenn er recht mäßig, erforderlich und verhältnismäßig ist… Und was dergleichen an Selbstverständlichkeiten noch wäre. Davor also alle Achtung!

Aber nun:

Ich kann einigermaßen zornig werden, wenn einige hochrangige Politiker und Politikerinnen nun so reden, als sei dieser Terroranschlag eine Sache ("nur") der Amerikaner, als gehe er uns nur insofern etwas an, als wir "die Amerikaner" von übertriebenen Gegenschlägen abhalten müssten, weil wir Deutschen ja so viel rationaler und moralischer und verlässlicher veranlagt seien - was wir ja in den Jahren zwischen 1933 und 1945 der Welt hinreichend deutlich vor Augen gestellt haben. Ich werde vor allem zornig, wenn ich diese Art nationaler Überheblichkeit aus dem Munde von Politikern (Namen sind der Redaktion bekannt!) zu hören bekomme, die vor ein paar Jährchen oder so selber noch der internationalistischen Linken in all ihren absonderlichen Färbungen angehört haben (das wäre ihnen meinetwegen vergeben!) - und damals doch noch ganz sicher gewesen waren, dass alles in eine weltweite Front gehört, hier die Guten dort die Bösen. Nun also der "negative" Nationalismus: Wir sind ja nicht getroffen worden - aber wir wissen, was man dagegen (nicht) tun darf!

Mit Ernst Jandl zu sprechen: Werchel Illtum! Der Angriff in New York richtetet sich immerhin gegen ein World Trade Center, ein Monument der Welt- und nicht etwa nur der Volkswirtschaft. Vor allem: Dem Anschlag fiel auch eine große Zahl deutscher Staatsbürger zum Opfer. Muss man denn gleich ein Hurra-Patriot und Erz-Nationalist und völkischer Trottel sein, um derlei wahrzunehmen? Und wahrzunehmen, dass auch unser Staat herausgefordert ist beim Schutz seiner Bürger und bei der (Straf-)Verfolgung seiner Angehörigen, wo immer sie gefährdet sein mögen? Oder heißt "staatliche Schutzpflicht" nur: Schutz unserer lokalen und provinziellen Bequemlichkeit - als sei St. Florian auch der Schutzheilige der Terroristen?

Wie gesagt: Nichts da von blindwütigem Zuschlagen! Ich habe auch (noch) keine präzise Vorstellung davon, was präzises Zuschlagen bedeuten könnte. Aber präzises Hinschauen und genaues Nachdenken - das gehörte wohl doch zu den minimalen Voraussetzungen, oder?

P.S.: Und nun noch ein bitterböser Gedanke, mit dem ich mich binnen Stunden unsterblich blamieren könnte: Bei aller erfahrungsgesättigten Kritik an "den Amerikanern", auch an der gegenwärtigen Regierung und bei allem skeptischen Blick auf den Präsidenten George W. Bush: Wann werden all jene, die immer nur vor dem blindwütigen Zuschlagen warnten, als sei nur dies die denkbare Verhaltensweise "der Amerikaner", irgendwie irritiert, ja geradezu "enttäuscht" darüber sein, dass sie es immer noch nicht getan haben. Und wann lernen wir, dass Enttäuschungen auch den Prozess der Ent-Täuschung beschreiben, die Überwindung des Irrtums,.
Aber wie gesagt: Ich mag mich ja täuschen...