Ein, allerdings entscheidendes, Beispiel: Natürlich darf eine aufgeklärte, moderne Gesellschaft ihre Fähigkeit zur Selbstkritik nicht gerade in dem Augenblick ersticken, in der sie sich insgesamt herausgefordert sieht. Also zwingt sich die Frage auf: Haben wir, hat "der Westen", hat nicht Amerika "irgendwie" selber zum Aufkommen des Terrorismus beigetragen? Die Frage ist so notwendig und erlaubt wie manche Antwort irreführend. Deshalb einige Punkte dem Leser zur Prüfung vorgelegt:

Erstens: Dass in der Welt größtmögliche Gerechtigkeit herrschen soll, ergibt sich aus unseren moralischen Einstellungen, die wir im übrigen ja nicht nur für westliches Sondergut, sondern für universal gültig halten.

Zweitens: Wenn wir feststellen (und wann hätten wir dazu keine Gelegenheit?), dass diese Gerechtigkeit (noch) nicht herrscht, dann folgt die Kritik daran nicht etwa aus dem Umstand, dass es Terrorismus gibt, sondern unmittelbar aus unseren eigenen moralischen Imperativen.

Drittens: Wenn es Terrorismus gibt, ist dies für sich genommen weder ein Beweis für Ungerechtigkeit in der Welt noch ist die Ungerechtigkeit in der Welt für sich genommen eine Erklärung des Terrorismus - und natürlich erst recht nicht seine Legitimation.

So viel zum Prinzip - und nun zum Fall: Osama bin Laden ist in seiner Person und in seinem immensen Reichtum so wenig ein Zeuge für den Aufstand der Armen, wie es die Attentäter sind, über deren privilegierte Stellung z.B. an der Universität Hamburg-Harburg wir gerade so aufschlussreiche Fakten erfahren. Im Gegenteil! Der Milliardär Osama bin Laden ist in seiner Person ganz anders ein Zeuge für die Ungerechtigkeit der Welt - nämlich nicht in der Welt im Allgemeinen, sondern in der arabischen Welt im Besonderen. Reden wir nicht über die ganze Welt, auch nicht über Lateinamerika und Afrika, sondern über Arabien: Der arabische Teil der Welt ist dank seiner Ölvorkommen so immens reich, dass es nicht an Geld fehlt, dort soziale Gerechtigkeit zu verwirklichen. Es fehlt am politischen Willen dazu. Wenn mich also ein guter Freund dieser Tage fragt, ob die 40 Milliarden Dollar, die Präsident Bush nach den Anschlägen an Haushaltsmitteln anforderte, nicht besser in die Entwicklungshilfe flössen, um dem Terrorismus das soziale Wasser abzugraben - dann antworte ich doch verlegen: Die arabischen Potentaten hätten im letzten halben Jahrhundert wohl fast ein Tausendfaches dieses Betrages in die innere Entwicklung ihres Teiles der Welt stecken können.

Das allein änderte freilich noch nichts an der Möglichkeit, dass auch die von den dortigen Herrschern selbst verschuldete Ungerechtigkeit immer noch andere Ziele, Ziele in der Fremde sucht. Aber in Wirklichkeit, so fürchte ich, muss unser analytischer Blick noch tiefer reichen. Deshalb weiter in unseren prinzipiellen Betrachtungen:

Viertens: Dass in der Welt größtmögliche Gerechtigkeit herrschen soll, ergibt sich allein aus unseren moralischen Imperativen - nicht aus der Angst vor Gewalt und Terror. Wer nur aus solchen "Sicherheitserwägungen" für sozialen Ausgleich plädiert, dem geht es nicht wirklich um Gerechtigkeit für alle, sondern - um Sicherheit für sich.