Das World Trade Center ausradiert, das Pentagon in Flammen, das Weiße Haus, das Capitol, die Ministerien evakuiert: Amerika, das mächtigste Land auf Erden, ist das Opfer der fürchterlichsten Terrorattacke seiner Geschichte geworden. Ungezählt sind die Toten, die Verwundeten. Wie im Krieg herrscht das Gesetz der Triage: Die Retter helfen sofort nur denen, die zwischen Tod und Leben schweben. Die anderen warten oder sterben. Für die USA ist es das historische Trauma schlechthin. Selbst die beiden Weltkriege hat dieses Land weit vor seinen Küsten erlebt; fremde Mächte haben zuletzt im "Krieg von 1812" auf seinem Territorium gewütet, als die Briten Washington niederbrannten.

Seitdem galt die Prophezeiung von Alexandre de Tocqueville, dessen Buch La démocratie en Amérique auch fast zwei Jahrhunderte später noch immer der klügste Kommentar zu dem einzigartigen politischen Gebilde namens USA ist. "Die Vereinigten Staaten", schrieb Tocqueville, "ist eine Nation ohne Nachbarn." Ihre historische Erfahrung ist die der absoluten Sicherheit, die kein europäischer Staat je genießen durfte: "Inmitten eines riesigen Kontinentes bleibt die Union abgeschottet vom Rest der Welt, als wären all ihre Grenzen von Ozeanen umschlungen."

"America under attack", melden die amerikanischen TV-Sender in stummen, starren Lettern, während die Bilder des Grauens abrollen. Tocqueville ist passé, Amerika hat den letzten Teil seiner weltpolitischen Unschuld verloren, der Riese ist nun wahrhaftig zum Opfer eines Terrors geworden, dem gewiss das Etikett "international" gebührt. Der erste Angriff auf das World Trade Center im Jahre 1993 war mit sechs Toten noch halbwegs glimpflich verlaufen, Oklahoma City mit seinen 168 Opfern war das Mordwerk des Amerikaners Timothy McVeigh. Grundsätzlich aber hat es sich die Internationale des Terrors nie getraut (oder nie geschafft), Amerika so systematisch daheim zu attackieren wie in dieser Woche. Die Liste früherer Anschläge ist lang: Beirut 1983, Lockerbie 1988, Nairobi/Daressalam 1998, Aden 2000 ... Aber das war weit weg und vereinzelt, keine strategische Offensive, die ein Generalstab nicht hätte teuflischer aushecken können.

Pearl Harbor - sechzig Jahre danach

Nur mit dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 lässt sich das Massaker dieser Woche vergleichen. Die Japaner versenkten die halbe US-Pazifikflotte, aber auch Hawaii war seinerzeit noch kein amerikanischer Bundesstaat, überdies 4500 Kilometer vom Festland entfernt. Und doch: 19 Schiffe und 2500 Tote waren genug, um Amerika nach diesem "Tag der Niedertracht" (Roosevelt) in den totalen Krieg gegen Tokyo zu katapultieren.

Und nun, nach dem monströsen Massenmord, der Amerika ins Herz treffen sollte? Das Pentagon ist das zentrale Symbol amerikanischer Militärmacht; das World Trade Center mitten im Wall Street financial district ist nicht bloß das symbolische Zentrum amerikanischer Wirtschaftsmacht. Denn hier laufen die Fäden (genauer: die Glasfaserkabel) einer globalen Wirtschaftsordnung zusammen. Diese Zielscheibe war nicht allein eine amerikanische; die Terroristen wollten nicht nur Amerika, sondern das Herz einer westlichen Zivilisation treffen, die sie mit mörderischer Inbrunst hassen. Ein vergleichbarer Zivilisationsbruch lässt sich nur an den Namen Hitler, Stalin und Pol Pot festmachen.