GLOTZ:
Ich habe eigentlich eher den Alltag gemeint - das heißt, meine These war, die ökonomisch potenten Schichten werden einen großen Zweidrittel-Block von Leuten mitnehmen, die werden sich unter das Gesetz der Beschleunigung stellen, das dieser digitale Kapitalismus mit sich bringt. Es wird aber ein Drittel geben, erstens, von Leuten, die nicht mitkommen und zweitens, die nicht mit wollen. Und zwischen denen wird es so eine Auseinandersetzung um Beschleunigung und Entschleunigung geben. Diesen sehr viel größeren Kulturkampf – ‚clash of civilization’ genannt – die Auseinandersetzung zwischen dem Islam und dem Christentum, oder bestimmten Strömungen des Islam oder des Islamismus oder wie immer man das nennen will - das ist noch eine Dimension größer, und das habe ich eigentlich damit in meinem Buch nicht angesprochen.


Aber wäre es nicht - in letzter Konsequenz weiter gedacht - die logische Schlussfolgerung daraus?


Die Gründe sind natürlich andere. Dass Teile der arabischen Nation oder Nationen so erbittert sind, dass sie jetzt, selbst bei diesem furchtbaren Verbrechen in den Vereinigten Staaten, applaudieren, dass es diese Art von Auseinandersetzung gibt um Israel herum zum Beispiel - das ist ja noch etwas anderes als das, was ich darzustellen versucht habe, dass es eben eine neue Verlaufsform der Marktwirtschaft gibt, dass diese digitale Technologie, die Transaktionskosten, alles möglich andere verändert und auf diese Weise auch der Lebensrhythmus der Menschen verändert wird. Der Begriff ‚Kulturkampf’ ist unterschiedlich anwendbar.


Aber ist es nicht vielleicht sogar ein Aufbegehren derjenigen, die diese Tat vollbracht haben, gegen diesen Lebensrhythmus, der sich global auszubreiten versucht oder droht?


Da haben Sie nun wieder Recht; das könnte sein. Ich glaube zwar, dass es vielmehr gerichtet ist gegen Sharon und gegen das, was da passiert an konkreten Auseinandersetzungen in Israel. Aber im Kern mag im Kopf eines Bin Laden oder wie diese Leute alle heißen, durchaus auch der grundsätzliche Widerstand gegen den Kapitalismus, gegen die amerikanische Massenkultur und vieles dahinter stecken - und damit auch gegen die Beschleunigung, die jetzt in dieser Verwandlung des Industrie-Kapitalismus zum digitalen Kapitalismus steckt.


Ist es nicht ein merkwürdiges Gefühl, wenn man ein Analytiker einer hochmodernen Gesellschaft ist und gleichzeitig sieht, welche ungeheuren Effekte mit ein paar Messern und einigen zum Tode entschlossenen Leuten vollbracht werden können?


Da haben Sie Recht. Die entscheidenden Worte sind: ‚einige zum Tode entschlossene Leute’. Das ist ja, was in unserer Kultur nicht vorkommt. Der normale Mensch möchte normal leben, und das ist ja auch alles richtig und in Ordnung...