Es ist schön, in diesen Tagen durch London zu wandern. Der englische Sommer war sehr groß, und die Einheimischen sind milde gestimmt. Mit 5 : 1 hatte die englische Fußballmannschaft am 1. September, der längst Geschichte ist, die Deutschen geschlagen. Die Tore dieses Spiels durchlaufen seitdem den großen Recorder, den man früher kollektive Erinnerung nannte. Young Lions heißt das englische Team bei seinen Fans, und die Londoner Presse krault den Löwen in ihren Sportkommentaren verliebt die Mähnen. Man meint, noch immer Verdauungsgeräusche und behagliches Schmatzen in den Straßen zu hören: Eine Löwennation schmeckt den Triumph nach.

Noch in vielen Jahren, immer am 1. September, werden sie dasitzen und sich The Tape ansehen. Die wunderbare Zeitung The Sun, unter den großen publizistischen Mäulern Englands das mit dem strengsten Atem, hat ihren Lesern ein Angebot gemacht: "RE-LIVE THE 5 - 1 MOMENT OVER AND OVER AGAIN."

Für 12,99 Pfund gibt's das Spiel Deutschland - England auf Video. Und wenn das Band abgelaufen ist, then put the video on rewind and watch it over and over again. Also, liebe Sun-Leser, auch Ihr Videogerät hat eine Rücklauftaste, und jetzt setzen Sie sich hin und schauen sich die englischen Tore noch mal an. Und dann gleich wieder. In Jeremy Paxmans Buch The English aus dem Jahr 1998 heißt es, dass sich die Engländer "im Rückwärtsgang in Richtung Zukunft bewegen", die Augen auf einen Punkt in der Vergangenheit gerichtet. Einer dieser Punkte, man könnte sie Bernstein-Momente nennen, war der 30. Juli 1966

der Sieg über die Deutschen in der Fußball-Weltmeisterschaft. Jetzt haben die Young Lions der Nation einen neuen Bernstein-Moment geschenkt: den 1. September 2001.

Das falsche Lachen des Hunnen

Geschichte, so lehrt uns die Sun, ist eine Sammlung von Beutemomenten, zu denen man immer wieder zurückspulen möchte. Und eine Nation definiert sich dadurch, dass sie über dieselbe Rewind-Taste verfügt. Die englischen Medien helfen beim Zurückspulen. Gern spulen sie auch ein bisschen weiter zurück. Im Spectator schildert Jeremy Clarke in der Rubrik Low Life, wie er im Kreise seiner Lieben das große Spiel gesehen hat: "Are we playing the Hun?", geht's gegen den Hunnen, fragt der 93-jährige Uncle Jack aus den Tiefen seiner Demenz. Beim zweiten englischen Tor fällt Uncle Jack der Wüstenkrieg gegen Rommel ein, beim vierten Tor sagt er: "Mein Gott, die Konzentrationslager werden voll sein heut Nacht." Und Vetter Rex erinnert sich daran, dass man von München mit der S-Bahn nach Dachau fahren kann. Beim Schlusspfiff ist der Krieg noch einmal gewonnen, und Uncle Jack weint.

Es gibt zwei große Felder, auf denen sich der englische Nationalstolz bewähren möchte, vor allem, wenn es gegen Deutschland geht: Fußball und Humor (was die Autoindustrie angeht, ist die Schlacht zugunsten der Deutschen geschlagen). Besonders fuchtig reagieren die Engländer, wenn die Deutschen sich an jenes Wunder wagen, für dessen Erfinder sich die Engländer vermutlich zu Recht halten: den feinen Humor.