Im Weinberg von Tobias Eckerle macht sich ein Feind breit, gegen den er nichts machen kann. Reben bekommen mitten im Sommer gelbe Blätter und sterben plötzlich ab. Der Winzer aus dem baden-württembergischen Pfaffenweiler im Markgräflerland blickt sorgenvoll in die Zukunft. Eine Rebenkrankheit ist auf dem Vormarsch, die den europäischen Weinbau bedroht. "Der Parasit verbreitet sich dermaßen schnell, dass er in der Gegend hier schon in 60 bis 70 Prozent der Flächen auftritt", sagt Tobias Eckerle. 80 Prozent seiner Gutedel-Anlagen sind betroffen.

Der Erreger verschont keine Traubensorte. "Am Krankheitsverlauf sind verschiedene Esca- und Eutypa-Pilzarten beteiligt", sagt Hanns-Heinz Kassemeyer, leitender Pflanzenpathologe vom Staatlichen Weinbauinstitut Freiburg im Breisgau. "Immer mehr Weinbauern fragen uns, was sie dagegen tun können, dass ihre Stöcke in kurzer Zeit absterben." Kassemeyer geht es so wie allen Experten, die das Esca-Phänomen untersuchen: Als Antwort auf Hilferufe kann er nur darauf hinweisen, dass die Forschung mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln den Erreger und dessen Biologie untersucht. Doch niemand weiß, wie lange es noch dauern wird, bis erste wirkliche Erfolge in der Bekämpfung zu verzeichnen sind.

Europa leidet unter der Belagerung von Esca, Weingebiete wie Elsass, Bordeaux und Rioja bis in die Türkei kämpfen gegen die Krankheit. Prekär ist die Lage in der Toskana. Dort sind bereits 30 bis 40 Prozent der Weinkulturen befallen - Tendenz steigend. In den nächsten Jahren könnte sich die Situation zuspitzen. Giuseppe Surico von der Universität Florenz warnt: "Esca ist das größte Problem, das der Weinbau hat, und zwar auf der ganzen Welt."

Zwar sind die Esca-Pilze seit der Antike bekannt und kamen schon immer an altersschwachen Reben vor, erst in den vergangenen Jahren aber sah sich die Wissenschaft gezwungen, sich eingehender mit dem Pilzcocktail zu befassen.

Nach wie vor gibt die Biologie Rätsel auf: Wie und über welche Distanz verbreiten sich die Sporen? Wie überwinden die Pilze die Abwehr der Rebe?

Auch sonst besteht großer Forschungsbedarf, denn die Fachleute wissen nicht einmal, wie der Parasit in gesunde Weinanlagen gelangt. Erste Hinweise hat jüngst die Florentiner Pflanzenpathologin Laura Mugnai gefunden: Wenn die Winzer neu anpflanzen, verwenden sie unerkannt kontaminierte Weinstecklinge - was für den Weinberg den gleichen Effekt haben kann wie eine Bluttransfusion mit HIV-verseuchten Blutkonserven für den Menschen. Da ein reger internationaler Handel mit Weinstecklingen besteht, wird sich die Krankheit weiter ausbreiten, dessen sind sich die Experten sicher.

Die Ansteckung ist ein Todesurteil