Chaos City heißt die Fernsehserie, in der Michael J. Fox einen Bürgermeister berät und ihn durch Beratung beherrscht. Aber der Bürgermeister, ein soigniert aussehendes Weichei, hat auch weniger beherrschende Berater - zum Beispiel einen schwulen Schwarzen, der in einer Folge sein romantisches Unglück vor sich hin murmelt: Ein begehrter Boxer war nicht entgegenkommend!

Der gekränkte Liebhaber klagt sein Leid einem anderen Mitarbeiter der Stadtverwaltung. Dieser hört ihm zuerst zu und dreht dann eine Runde im Büro.

Davon merkt der Liebeskranke nichts, und er redet weiter, als hätte er noch seinen Gesprächspartner. Als dieser Partner auf seiner Runde wiederum zurückkommt, postiert er sich vor dem Trostbedürftigen und sagt im Brustton der Überzeugung: "Ich bin immer für dich da!"

Was ich damit sagen will, ist viel tiefer und viel komplizierter in einer anderen Serie angelegt. Diese Serie heißt nach ihrer Protagonistin Ally McBeal. Ally McBeal ist eine junge Anwältin, und es gehört zur Sache, dass man genau sagen müsste, sie ist eine "blutjunge" Anwältin. Sie - von puppenhaftem Äußeren - genießt in vielen Folgen eine Éducation sentimentale, bei der mir eines ins Auge sticht: diese seltsame, von nur scheinbar tiefen Sehnsüchten unterbrochene, Oberflächlichkeit. Die Oberflächlichkeit ist glatt, und die Filme führen durchaus pädagogisierend vor, wie alles, buchstäblich alles, an so einer Oberflächlichkeit abgleitet. Ja, es sind schon diese rauen Flächen da, es gibt schon diese Abreibungen - aber nur inszeniert, damit sie sich im Nichts, im Absolutismus einer strahlenden Oberfläche, auflösen.

Folgt man dem amerikanischen Soziologen Richard Sennett, dann ist keineswegs bloß das serielle Seelenleben von einer aggressiven, alles heilenden, jedoch erniedrigenden Oberfläche bestimmt. Der flexible Mensch. Die Kultur des neuen Kapitalismus heißt sein Essay, der als Taschenbuch in der Siedler-Reihe bei Goldmann erschienen ist. So flexibel wie die zitierten Figuren, wie diese Fernsehreflexe des wirklichen Lebens, müsste man sein! Auch der Jammernde begreift sein Geseire ja nur als ein vorübergehendes Ritual, das man halt so benützt, bis endlich wieder die Boxershorts winken. Sennetts Buch heißt im Original: The Corrosion of Character, und das sagt es besser: Der Charakter - ach, der durchaus zu unerfreulichen Verfestigungen neigt - zerbröckelt zugunsten einer Flexibilität, die die Wirtschaftsordnung, nobel gesagt, nahe legt.

Psychisch sind die erwünschten Menschen vor allem spontan. Das heißt: Sie können keine Geschichte "ausbilden". Geschichte ist überhaupt das Letzte, es gibt nur Gegenwart. Niemand darf auf der Grundlage seiner gestrigen Erfolge glauben, sie würden ihn auch heute noch durch die Welt tragen. Es existiert allein das Problem, das jetzt gelöst werden muss, und wer es jetzt nicht löst, der hat eventuell schon morgen keine Chance mehr. Es ist, so Sennett, ein Charakteristikum des angloamerikanischen Kapitalismus, dass keineswegs nur die Unterschichten von sozialen Katastrophen betroffen sind

jetzt kommt die Mittelschicht dran, und das System funktioniert hoch intelligent, indem es diese Mittelschicht einerseits bedrohlich unter Druck setzt und sich andererseits dennoch deren Loyalität erhält.