Seit Monaten steht eine Biografie des zweiten amerikanischen Präsidenten, John Adams (1735-1826), an der Spitze der New York Times-Bestseller-Liste.

Das wissenschaftlich seriöse, populär geschriebene Opus magnum des Historikers und Pulitzer-Preisträgers David McCullough wird kraft seiner Verbreitung in mehr amerikanischen Haushalten, als es während der Revolutionsjahre zwischen 1774 und 1781 in den englischen Kolonien gab - höchstens zwei Millionen -, fester Bestandteil der amerikanischen Ziviltheologie werden. Das ist jene kompakte, in Europa belächelte und immer wieder filmisch und literarisch, aber auch propagandistisch überhöhte Selbstinterpretation der Vereinigten Staaten, der "Amerikanismus".

Die kometenhafte Wiederkehr von Adams Ruhm ist umso erstaunlicher, als der amerikanische Kongress noch 1926 zwar feierlich des 100. Todestags von Thomas Jefferson gedachte, dem charismatischen Nachfolger Adams, nicht aber an ihn erinnerte. Dabei war Adams nur wenige Stunden nach seinem Revolutionsgefährten ebenfalls am Unabhängigkeitstag, dem 4. Juli 1826, gestorben. Die seltsame Koinzidenz hatte seinerzeit zu fast mystischen Selbstdeutungen der jungen Republik geführt. Sollte es im Himmel ein amerikanisches Parlament geben? Adams hatte sich das erhofft.

Einen offiziösen Adams-Kult gibt es bisher nicht. Die parteipolitisch nach 1830 inszenierte Denkmal-Heroisierung Washingtons und Jeffersons mitsamt ihren Festtagsritualen fand keinen rechten Ort für den dritten Staatsgründer im Bunde. Dem eher kleinen, rundlichen und streitsüchtigen Rechtsanwalt Adams aus Braintree bei Boston haftete so gar nichts Heldenhaftes an. Und doch hätte es ohne ihn keine amerikanische Unabhängigkeit gegeben. Die Website des Weißen Hauses (www.whitehouse.gov) setzt die Missachtung fort: "Adams war als politischer Philosoph bedeutsamer denn als Politiker." Das, so beweist McCulloughs Buch, ist grundfalsch.

Der Autor hatte sich seinen Namen als Truman-Biograf (1993) gemacht und ist eine bekannte Gestalt im Restbestand des seriösen amerikanischen Fernsehens.

Mit der Lebensgeschichte von John Adams befördert er einmal mehr die besondere politische Kultur seines Landes: Es bewahrt sich seine geistige und institutionelle Identität, sein juristisches und stets gefährdetes moralisches Selbstverständnis seit mehr als zwei Jahrhunderten in der bisweilen kritischen, manchmal hymnischen Rückkehr zu den heroischen Erfahrungen der revolutionären Gründung.

Hier liegt der Unterschied des amerikanischen Staatsmythos zum eher tragischen, wenn nicht zynischen europäischen Staatsverständnis: Unseres speist sich aus den bitteren Lehren, die aus diplomatischem Irrsinn und tribalistischem, nationalistischem Hass über zwei Kriegsjahrhunderte hinweg gezogen wurden. Amerikas erzählte Identitätsgeschichte hingegen ist nicht struktur-, sondern personenzentriert. Statt politischer Brüche und gesellschaftlicher Kontinuitäten gelten die echten oder - wie im Falle John F. Kennedy - lebhaft übertriebenen Charakterstärken der Präsidenten als maßstabsetzende Merkmale des korrekten "Amerikanismus" in praktischer Politik. Insofern ist Amerikas Selbstverständnis "heroisch".