Soll er doch schwärmen, der moderne Mensch, von seinen Autos, Raketen, Computern - das größte Wunderwerk der Präzision bleibt jenes, mit dem er den ganzen Kram gebastelt hat: die eigene Hand. Ein paar technische Daten? 208 bis 214 Knochen haben wir im Leib, die meisten für die Statik, Säulen und Bögen gleich. Doch da sind auch jene 54 Knochen in den Ausläufern der Arme.

Sie bilden unsere Kreativabteilung, dank 30 Kugel-, Scharnier-, Sattel-, Ei-Gelenken und 80 Muskeln. Ein Drittel der Hirnmasse, die zur Steuerung der beweglichen Körperteile benötigt wird, widmet sich diesem komplexen System.

Das war nicht immer so. Dies ist die eine Geschichte.

Die andere beginnt am 19. Juni 1978 in Würzburg. Die 50-malige Basketball-Nationalspielerin Helga Nowitzki bringt einen Jungen zur Welt und nennt ihn Dirk. Ein Allerweltsname für ein Allerweltskind. Dennoch wird die Bild-Zeitung 23 Jahre später, im September 2001, in ehrfurchtsvollem Ton berichten: Als Kind lutschte er immer am Daumen.

Der Daumen. Falls die Hand ein Geschenk Gottes ist, hängt der Daumen an einem Gelenk Gottes. Ausgerechnet dieser Finger, dicker und plumper in Gestalt als die anderen vier, kann rotieren wie kein zweiter. Nur deshalb vermag der Mensch mit ihm jede andere Fingerkuppe zu berühren. Kein Affe schafft das - darum ist er auch nicht Mensch geworden vor mehr als drei Millionen Jahren, schuf keine Werkzeuge und Waffen, wurde kein Pianist, kein Chirurg, kein Maschinenbauer, kein Hütchenspieler. Indem aber der Mensch das Greifen lernte, nahm er auch sein Schicksal in die Hand.

Dirk Nowitzki ist sechs Jahre alt, als seine Mutter ihn zum Turnen fährt. Mit acht steigt er auf Tennis um, wird später Vierter bei der Bayern-Meisterschaft und ärgert sich, dass er dauernd gegen einen gewissen Thomas Haas verliert. Mit zwölf geht er zum Basketball. Turnen, Tennis, Basketball - mit den Jahren ist Dirk Nowitzki das Sportgerät immer näher gekommen. Jetzt liegt es in seiner Hand.

Jetzt liegt es in seiner Hand: Wieso diese Redewendung? Weshalb die vielen Fingerspiele bei Babys? Warum der Elternstolz, wenn sich ein Kind die Schuhe binden kann? Weil Hand und Hirn aufs Engste verbunden sind. Der amerikanische Neurologe Frank R. Wilson behauptet sogar: Erst war die Hand, dann kam das Hirn - herausgefordert durch die Möglichkeiten, die die Finger dem Menschen boten. Ohne die ungewöhnlichen Fähigkeiten der Hand gäbe es keine Höhlenmalereien, ohne Höhlenmalereien keine Symbole, ohne Symbole keine Buchstaben, ohne Buchstaben keine Bücher. Und auch nicht die Erkenntnis, dass das Wort Fingerspitzengefühl längst Ausdruck für intellektuelle Qualitäten ist, dass der Satz Er hat die Sache im Griff mehr als nur manuelles Geschick beschreibt, dass die Feststellung Der packt es nicht schlimmste Schelte ist, die Rede vom großen Wurf aber ein Lob.