Minsk Masowiecki Bevor die alte Frau am Nachmittag in den Schlosspark ging, hat sie ihre dunkel gefärbten Haare zum Pferdeschwanz hochgebunden. Mit einer schwarzen Schleife, die einem kleinen Propeller gleicht. Zufliegen möchte sie auf den hohen Besucher, zumindest so jung wie möglich erscheinen. Doch sie muss lange in der Schlange ausharren, bis sie zum Schloss vorrücken kann, unter den Zeltbaldachin. Da kann sie sich nun herabbeugen, das Buch zum Signieren vorlegen und auf ihr Idol einreden. Der Mann lässt aus dem Gewoge einen Stuhl freikämpfen. Unter vier Augen darf sie ihm weitschweifig ausholend ihre Frage vortragen: Ob denn das Ozonloch im Haushalt, das die Regierung ihm jetzt hinterlasse, auch die Zuschüsse für das neue Rentensystem verschlingen werde?

"Die bleiben", sagt er kurz und fest und drückt ihr die Hand, als ob er einen Pakt besiegele.

Der Mann hat die Menschen im Griff. Durch unerschütterliches Zuhören. Vor allem Frauen dringen auf ihn ein. Die Mittzwanzigerin in engen Lederhosen, die sich über Unternehmensgründungen aufklären lässt. Die Teenager, die ein Autogramm unbedingt hautnah auf die Vorderseite ihrer T-Shirts geschrieben haben wollen. Die Ehefrauen, die ihm die Arme um die Schultern legen und diesen Triumph von ihren Männern ablichten lassen. Dann und wann kämpft sich ein älterer Genosse vor. Der Mechaniker mit dem Strohhut möchte wissen, ob er die von ihm produzierten Ersatzteile irgendwie im Fernsehen präsentieren könne.

Miller heißt der Mann mit den großen Ohren für die kleinen Leute. Der Name hat einen deutschen Ursprung und ist in Polen zurzeit 6221-mal registriert.

Doch die Mehrheit der Menschen lässt sich weder von der namentlichen noch von der sozialistischen Vergangenheit des Leszek Miller schrecken. Die Polen werden dem 55-jährigen Arbeitersohn und seinem Bündnis der Demokratischen Linken (SLD) bei den Parlamentswahlen am 23. September einen strahlenden Erfolg bescheren. Schon im vergangenen Jahr hatte der ehemalige kommunistische Jugendminister Aleksander Kwaniewski das Präsidentenamt mit einem Erdrutschsieg zum zweiten Mal erobert. Nun wird ein Politbüromitglied aus den letzten Tagen des realen Sozialismus nach allen Prognosen zu Polens zehntem Ministerpräsidenten nach der Wende aufsteigen. Nichts wäre 1989 unvorstellbarer gewesen als ein solches Doppel in einem Land, dessen Streiks vor zwei Jahrzehnten das Ende des Kommunismus eingeläutet hatten.

Auch jetzt streiken die Polen, indem sie die konservative Regierung der Wahlaktion Solidarnoc (AWS) abservieren - und möglicherweise sogar vom Parlament aussperren. Die AWS krebst an der Achtprozenthürde, die für Wahlbündnisse gilt. Ihr zeitweiliger Koalitionspartner, die liberale Freiheitsunion (UW) mit Polens Reformvätern Masowiecki, Balcerowicz und Geremek droht bei vier Prozent zu versanden. Die UW hat das durch Korruption, Schlampereien und Meutereien manövrierunfähige Regierungsschiff schon vor Jahresfrist verlassen.

Leszek Miller ist der zweite gelernte Elektriker, in den die Polen ihr Vertrauen setzen. Der erste, der spontane Volksheld der Danziger Werft Lech Walesa war einst im Blaumann und mit der Madonna am Revers fast unbezwingbar.