Kaum wiedergewählt, hat der britische Premierminister Tony Blair Ärger mit den Gewerkschaften. Eine Schande sei die fortgesetzte Liebesaffäre des Regierungschefs mit dem Privatsektor, schimpfte Dave Prentis, Generalsekretär der größten britischen Arbeitervertretung Unison, in der die Beschäftigten des öffentlichen Dienstes organisiert sind. Die aus zahlreichen Gewerkschaftsorganisationen fusionierte General Municipal and Bohernutkers Union (GMB) drohte gar, Labour bis zu einer Million Pfund Spenden zu streichen. Blair hatte die Schelte mit einer Rede im Royal Free Hospital provoziert, in der er zum wiederholten Mal für eine engere Zusammenarbeit zwischen dem öffentlichen und dem privaten Sektor warb. Nur wenige Tage zuvor hatte der Labour-Chef Gewerkschaftsvertreter zum Beschwichtigungsdinner empfangen - ohne Erfolg.

Blair steckt in der Zwickmühle. Jede Erwähnung des Wortes "Privatsektor" zieht Pfiffe und Buhrufe vom linken Labour-Flügel und von den Gewerkschaften nach sich. Im Wahlkampf jedoch versprach der Premierminister die bitter nötige Reform der öffentlichen Dienstleistungen. Der Staat allein, davon ist Blair überzeugt, kann diese Last nicht schultern. Scheitert die Reform, ist der Regierung der Zorn der Wähler gewiss. Entsprechend drohte Blair der Zuhörerschaft im Royal Free Hospital: "Wenn es uns nicht gelingt, die staatlichen Dienstleistungen, an die wir glauben, zu verbessern, dann gibt es immer noch eine andere politische Kraft, die sich unsere Schwäche zunutze machen und den öffentlichen Sektor, so wie wir ihn kennen, ganz abschaffen wird."

Lohnkosten bleiben niedrig

Nicht zufällig wählte Blair ein Krankenhaus, um den Segen der privaten Hand im öffentlichen Geschäft zu preisen. Das britische Gesundheitswesen gilt mittlerweile in ganz Europa als Desaster. Dabei wurde der National Health Service (NHS) bei seiner Entstehung 1948 noch als sozialpolitische Errungenschaft gepriesen. Er sollte eine kostenlose Gesundheitsfürsorge für jeden garantieren, finanziert aus dem allgemeinen Steuertopf. Das habe zwei Vorteile, erläutert Gesundheitsökonom Elias Mossialos von der London School of Economics: Zum einen belaste der staatliche britische Gesundheitsdienst nicht die Lohnkosten wie etwa das deutsche Sozialversicherungssystem. Zum anderen sei er flexibler als Systeme, die einen bestimmten Prozentsatz der Steuer für Gesundheitsausgaben vorsehen und damit in Zeiten der Krise zu wenig, in wirtschaftlichen Blütezeiten dagegen zu viel einnehmen.

Als kostenloser Dienstleister hatte der NHS jedoch von Beginn an mit einem anderen Systemfehler zu kämpfen: Die Nachfrage, die nicht über den Preis reguliert wird, übersteigt immer das Angebot. Bereits seit den frühen fünfziger Jahren müssen deshalb Patienten für einzelne Leistungen, etwa Medikamente oder Zahnbehandlungen, aus eigener Tasche zuzahlen. Außerdem steuern die Allgemeinärzte die Versorgung - ein Ansatz, für den auch die deutsche Gesundheitsministerin Ulla Schmidt Sympathien hat. In Großbritannien kommt jeder Kranke zuerst durch die Praxis der Hausärzte, der general practitioners. Sie entscheiden, wer an ein Krankenhaus oder einen Spezialisten überwiesen wird.

Seit der Geburt des NHS gehört Mangelwirtschaft zum System. Ende Mai dieses Jahres warteten über eine Million Patienten auf eine Behandlung im Krankenhaus, 44 600 harrten bereits mehr als ein Jahr aus. Tony Blairs Labour-Regierung gelang es nur bis zu einem gewissen Grad, die Zahl der Wartenden zu reduzieren. Die Anstrengung, die Statistik zu verbessern, hat jedoch dazu geführt, dass kleinere Routineoperationen vorgezogen werden, während lebenswichtige Tumoroperationen auf der Strecke bleiben. Nicht geändert haben sich zudem die Bilder von den überfüllten Krankenhausfluren, wenn sich in jedem Winter erneut die Zahl der Betten als zu gering erweist, um alle Grippepatienten aufzunehmen.

Vor einem Jahr legte die Labour-Regierung ihren Plan zum Wiederaufbau des gebeutelten NHS vor. "Zusätzliche Kapazitäten und Investitionen", heißt es darin, seien vom Privatsektor zu erwarten. Tatsächlich ist Geldmangel das gravierendste Problem des NHS. Als Beleg für dessen Unterfinanzierung wird gerne der Anteil am Bruttoinlandsprodukt zitiert, den Großbritannien für sein Gesundheitswesen ausgibt. Er liegt derzeit bei rund sieben Prozent, im europäischen Durchschnitt sind es gut neun Prozent. Noch krasser fällt der Vergleich bei den privaten Gesundheitsausgaben aus. Kaum mehr als ein Prozent des BIP geben die Briten privat für ihre Gesundheit aus. In Deutschland ist dieser Anteil fast dreimal so hoch.