Schuljahrsbeginn in der Marion-Dönhoff-Schule im masurischen MikoIajki.

Eine Schülerin, herausstaffiert mit Faltenrock, Blazer und Krawatte, erteilt von der Bühne der Aula ein scharfes Kommando: "Und jetzt die Hymne!" Thomas Wenck, der neue Lehrer aus Deutschland, zuckt zusammen. Der Schulanfang in seiner letzten Schule, einer Gesamtschule in Nordrhein-Westfalen, war nie ein Grund zum Feiern, schon gar nicht zum Absingen der Nationalhymne. Hier aber war ihm sogar diskret bedeutet worden, doch dem Anlass entsprechend etwas weniger sportlich gekleidet zu erscheinen. Eigentlich wollte er ja "am liebsten nach Rio", vor allem weg aus dem deutschen Schulbetrieb. Etwas Bauchschmerzen hat er auch, wenn er an seine künftigen Schüler denkt: "Die sind hoch motiviert, intelligent, ehrgeizig und anspruchsvoll." Das ist er nicht mehr gewöhnt. Thomas Wenck windet sich unbehaglich auf dem gepolsterten Klappsessel der alten Aula, die in ihrer vergilbten Pracht an ein Kino aus den zwanziger Jahren erinnert. Nicht nur die Schüler, die Eltern und die Lehrer sind zur Feier gekommen, sondern auch die Honoratioren in Gestalt des Bürgermeisters und des dicken katholischen Dorfpfarrers im langen schwarzen Priesterrock.

Die polnische Nationalhymne ist kurz und schmissig. Nach einer halben Stunde, einigen knappen Worten der Direktorin und ein paar Gedichten ist alles vorbei. Erstaunlich unsentimental, wenn man bedenkt, dass dies wohl der letzte Schulauftakt in dieser Aula war, denn die Schule hat große Pläne.

Anfang November wird umgezogen in ein neues helles, großes (und bis dahin hoffentlich fertiges) Schulgebäude mit viel masurischer Landschaft drum herum und Ausblick auf einen der zahlreichen Seen.

Doch während die Schüler und Lehrer nach der Feier noch in Grüppchen herumstehen und Thomas Wenck seinen künftigen Arbeitsplatz inspiziert (Klasse 14, mit einem Mobiliar wie aus dem Fundus der Feuerzangenbowle und einer Büste der Namenspatronin Marion Gräfin Dönhoff auf dem Schrank), ist der Bürgermeister grußlos verschwunden. Und da Piotr Jakubowsky nicht nur Bürgermeister ist, sondern Vorsitzender des Schulvereins und obendrein Vater einer Schülerin, ist dieses Verhalten befremdlich. Es lässt sich nicht verheimlichen, um die Schule schwelt im Moment ein Konflikt, der damit zusammenhängt, dass in Nikolaiken alles mehr oder weniger miteinander zusammenhängt.

Begreifen kann diese Zusammenhänge nur, wer von hier stammt. Und erklären kann sie nur, wer wie Frank Dombrowski vor zehn Jahren hierher kam. Der gelernte Geschichts- und Sportlehrer, der 20 Jahre lang eine Firma in Frankreich hatte, wollte sich eigentlich ins Tessin zurückziehen und Bücher schreiben, als ein kleiner Artikel in der ZEIT seine Lebensplanung über den Haufen warf. Freiwillige wurden da gesucht, Pädagogen, die wenigstens für ein Jahr in den an Deutschlehrern darbenden Osten gingen. Dombrowski folgte dem Appell von Marion Dönhoff nur zu gern. Er stammt aus Königsberg und ließ sich locken, so nah wie möglich ran an die Kurische Nehrung, wo er einst laufen gelernt hatte.

Aus dem einen Jahr wurden zehn. Irgendwie kam er nicht mehr weg. Und er will auch gar nicht. Inzwischen ist er 60 und längst nicht nur Lehrer, sondern auch der Verbindungsmann nach Westen, der PR-Manager und Geldeintreiber für die Schule. Mehrfach im Jahr macht der die 1000-Kilometer-Tour von MikoIajki nach Deutschland. 1995 bekam die Schule dann auf sein Betreiben den (Herzen, Türen und gelegentlich auch Geldbörsen öffnenden) Namen Marion-Dönhoff-Schule. Das hat ihn einige Überzeugungsarbeit gekostet