I'm singin' in the rain: Aufgekratzt singt und tänzelt Heiner Lauterbach durch das regnerische London, um die Frau an seiner Seite zu beeindrucken.

Kurz darauf liegt er mit ihr im Bett. Von der Liebe inspiriert, bastelt er, unter Zuhilfenahme ihres roten Lippenstifts und des Boulevardblatts Daily Mirror, eine neue Zeitung: unverkennbar Bild. Denn der Flachleger, den Lauterbach hier mimt, ist kein Musicalstar, sondern Axel Cäsar Springer.

Mit der verfilmten Biografie des konservativen Verlagsgründers, zu sehen am 9. und 10. Oktober, will die ARD ein Film-Epos über die menschlichen Dramen eines großen Lebens zeigen, schwärmt Fernsehfilmkoordinator Jürgen Kellermeier. Der nahe liegenden Kritik, das Wirken des politisch polarisierenden Zeitungsmannes werde hier viel zu unkritisch gesehen, versucht er auch gleich vorzubeugen: Der Film ist nicht mit den Maßstäben der Geschichtsschreibung oder journalistischen Ansprüchen zu messen.

Die Springer-Saga Der Verleger ist nur eines von unzähligen so genannten Biopics, die in den kommenden Monaten ausgestrahlt werden: biografische Filme - mal mit mehr, mal mit weniger dokumentarischen Anteilen. Das Spektrum reicht vom Dokudrama bis zum reinen Spielfilm nach Motiven aus dem Leben von ... Nicht nur das Wort - biographic picture -, auch der TV-Trend stammt aus Amerika. Dort kam Verleger-Produzentin Regina Ziegler, die gleich eine ganze Reihe Große Deutsche etablieren will, auf die Idee: Vorher waren romantic comedies in Mode, jetzt sind es Biopics.

Zur TV-Wahl werden gestellt: Willy Brandt und Helmut Kohl. An der Wiederauferstehung Konrad Adenauers wird gewerkelt. Auch über die Beliebtheit von Erich Honecker, Rudi Dutschke und Ulrike Meinhof wird, wenn alles klappt, per Fernbedienung abgestimmt. TV-Aufklärung bieten die Lebensgeschichten von Oswalt Kolle und dem guten alten Casanova - die Vita der Pornodarstellerin Sibylle Rauch wurde bereits vorvergangenes Wochenende von RTL verwertet.

Sat.1 lässt Richard Oetker im November entführen. Das Leben der Schriftstellerfamilie Mann wird von der ARD durchgenommen. Petra Kelly und Gert Bastian kommen am 3. Oktober noch einmal ums Leben. Und das ist nur ein Teil der Streitmacht, die das TV aufbietet.

Schuld an der grassierenden Biopictitis hat angeblich der Zuschauer. Lange galt die Betrachtung von Geschichte als Geschichte großer Männer als überholt. Doch nun will Produzentin Ziegler ein Bedürfnis nach >Helden<, die den Überblick bewahren, bemerkt haben, eine Sehnsucht nach Erfolgsbiografien, nach Vorbildern womöglich. Ihr Springer-Porträt, das auf dem Buch des Journalisten Michael Jürgs basiert, folgt diesem fragwürdigen Konzept. Der historisch und politisch umstrittene Verleger erscheint bei Regisseur Bernd Böhlich, der zugleich für die letzte Drehbuchfassung verantwortlich zeichnet, in erster Linie als Visionär, dem man seine charakterlichen Defizite nachsehen muss.