Vom Papagallo der sechziger Jahre an der Adria über den jamaikanischen Beach-Boy zum tunesischen Strandadonis - das Reservoir der männlichen Gespielen im globalen Tourismusgeschäft kam und kommt fast immer aus der Unterschicht. Es findet ein unausgesprochener Austausch statt zwischen Arm und Reich. Die jugendlichen Strandcharmeure wollen vom Reichtum der Nordländerinnen profitieren, indem sie ihren Körper auf den Markt tragen.

Das hat das tunesische Bezzness mit der weiblichen Prostitution in Thailand gemein. Allerdings funktioniert sowohl die Begegnung als auch die materielle Belohnung der männlichen Prostituierten anders.

Die Frauen selbst zählen ihre Affäre ohnehin nicht zur Kategorie Sextourismus. Die Lust der Urlauberin segelt unter romantischer Flagge. Sie freit, indem sie sich freien lässt. Die Frau bezahlt den Mann selten in barer Münze, so wie es bei Liebesdamen seitens der Männer üblich ist. Sie schenkt ihm Parfüm und Kleidung, lädt ihn zum Essen ein, nimmt ihn ein paar Tage mit auf den Trip durch Tunesien oder finanziert ihm den Flug in den saturierten Norden. Ihre Bezahlung spielt sich verschämt ab, für sie ist es ein Liebesdienst. Auch wenn unter der Hand an der Hotelrezeption schon mal männliche Begleiter für eine Woche angeboten werden, die Regel lautet: Frauen wollen vom professionellen Liebhaber nichts wissen. Und wenn sie doch einmal an ihn geraten sollten, dann glauben sie seinen Liebesschwüren nur zu gern.

Die so genannten Sextouristinnen bewegen sich in einer Grauzone von Anmache und Anziehung, sexueller Ausbeutung, Gefühl und Helfersyndrom.

Da ist zum Beispiel Assiz. Mit seinen streng nach hinten gekämmten schwarzen Haaren, dem muskulösen, braun gebrannten Körper und dem römisch-griechischen Profil sieht er klasse aus. Seit Tagen umschwirrt er Claudia, die 39-jährige Krankenschwester aus Berlin, mit ausgesuchter Höflichkeit, kleinen Aufmerksamkeiten und unmerklichen Berührungen. Es spielt keine Rolle, dass sie sich nur in gebrochenem Französisch unterhalten können. Habibi, Liebling, hat er ihr schon auf Arabisch beigebracht und in der Disko die ersten Bauchtanzschritte mit ihr eingeübt. Ich fühle mich ungemein weiblich mit ihm, gesteht die strahlende Claudia abends an der Hotelbar. Sie findet ihn wahnsinnig charmant, jungenhaft und anziehend.

Mit dem männlich-herben Duft von Assiz' teurem Duftwasser zieht der Frühling in Claudias Herz ein. Auch wenn das Eau de Toilette möglicherweise ein Geschenk von Renate ist. Denn Assiz, der Hotelanimateur aus Kairouan, umgarnte Renate aus Wuppertal zwei Wochen zuvor genauso charmant wie jetzt Claudia. Doch das muss die Krankenschwester aus Berlin nicht unbedingt wissen. Liebe macht ohnehin blind.

Strandjünglinge wie Assiz ziehen alle Register der Verführung. Ihr Handwerkszeug ist Einfühlungsvermögen und viel Gespür für die Wünsche der Touristin. Doch diese schlichten Liebesanbieter, auf der Suche nach einem angenehmen Nebenverdienst, vielleicht auch einer Perspektive in Deutschland, haben wenig gemein mit der aggressiven Prostitutionsindustrie für männliche Touristen: Weiblichem Sextourismus fehlt die organisierte Eindeutigkeit und Eindimensionalität männlicher Sexausflüge nach Pattaya oder auf die Philippinen. Die Frau ist allenfalls romantisch verbrämte Lusttäterin, die sich ihren Prinzen, dank des modernen Tourismus, nun weltweit sucht. Bei dieser Begegnung verknüpfen sich emotionale Bedürfnisse der Frauen auf ganz eigene Weise mit ökonomischen Bedürfnissen der Männer.