Wer nach Barry Marshall sucht, erhält immer den gleichen Tipp: Halten Sie nach einem Mann Ausschau, der besonders krank aussieht. Er ist leicht zu finden: Blasses Gesicht, die Haut wie gegerbtes Leder, dunkel umrandete Augen. Im Selbstversuch hatte der australische Arzt vor 17 Jahren eindrücklich den Zusammenhang zwischen einer Infektion mit dem Bakterium Helicobacter pylori und Magengeschwüren bewiesen. Er schluckte einen Sud mit dem Erreger und erlitt prompt eine schwere Gastritis, die sich mit Wismut therapieren ließ. Marshall, jahrelang von Experten verlacht, setzte sich durch. Häufig wiederkehrende Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüre waren plötzlich heilbar.

Mitterweile ist der Keim ein Star, er gehört zu den am besten untersuchten Bakterien der Welt und hat in der Gunst der Forscher sogar seinen prominenten Darm-Kollegen Escherichia coli überholt. Vergangene Woche versammelten sich in Straßburg die Experten zum europäischen Helicobacter-Treffen - unter ihnen auch der blasse Marshall. "Mir geht es gut", versichert er, "ich bin kuriert." Das wünscht der Australier auch möglichst vielen anderen. Wenn es nach Marshall und den meisten Kongressteilnehmern ginge, sollte die üble Magenbakterie flächendeckend eliminiert werden. H. pylori steht im dringenden Verdacht, wichtigster Auslöser des Magenkrebses zu sein, an dem allein in Deutschland jährlich 18 500 Menschen neu erkranken, nur ein Drittel davon überlebt fünf Jahre. Also erklärte die Weltgesundheitsorganisation den Erreger 1994 zum Karzinogen. Fortan ertönte in Fachzeitschriften der Schlachtruf: "Der einzig gute Helicobacter ist ein toter Helicobacter." Und David Graham, Nestor der gastroenterologischen Zunft, prophezeite in Straßburg: "Eine Welt ohne Helicobacter wird eine bessere Welt sein."

Da melden sich einige vorsichtige Stimmen, die dem Schurken kurz vor seiner Hinrichtung zur Seite springen. Eifrigster Vertreter des mikrobiellen Artenschutzes ist Martin J. Blaser von der New York University School of Medicine. "Die Eliminierung des Keims", warnt Blaser, "könnte neben positiven Wirkungen auch Risiken für die menschliche Gesundheit bergen." Vor vier Jahren legte der Mikrobiologe und Epidemiologe seine ketzerischen Überlegungen in der Fachzeitschrift The Lancet dar. Während Tuberkulosekeime, HIV und Masern erst seit wenigen hundert Jahren im Körper des Menschen hausten, lebe Helicobacter schon seit Jahrmillionen in den Mägen unserer Vorfahren. "Solch eine lange Zeit des Miteinanders kann nur bedeuten, dass es sowohl für die Mikrobe als auch für den Wirt Vorteile gibt", sagt Blaser.

Außerdem würden weniger als 20 Prozent aller Infizierten jemals gesundheitliche Probleme erleiden, weniger als ein Prozent an Magenkrebs erkranken.

Blaser befürchtet, dass die Bekämpfung des Helicobacter mit einer vermehrten Neigung zum Sodbrennen bezahlt würde. Inzwischen mehren sich die Zeichen, dass er Recht hat. In westlichen Ländern, in denen Helicobacter pylori vor allem durch Änderungen der Lebensumstände und Essgewohnheiten auf dem Rückzug ist, schwappt Magensäure vermehrt aus dem Magen in die Speiseröhre. Dieser Reflux verursacht häufig Entzündungen. Joachim Labenz vom Evangelischen Jung-Stilling-Krankenhaus in Siegen behandelte 460 Patienten gegen Helicobacter, die andere Hälfte lebte weiter mit dem Keim. Die Therapierten wiesen nach drei Jahren doppelt so oft entzündete Speiseröhren auf. Allan P.

Weston vom Veterans Affairs Medical Center in Kansas City beobachtete in den Speiseröhren von Helicobacter-freien Patienten vermehrt entartete Zellen.

Westons Fazit: "Helicobacter scheint einen protektiven Effekt auf diesen Krebs zu haben." Auch die Epidemiologie stützt die Vermutung. In allen Ländern mit schwindender Helicobacter-Durchseuchung fällt die Magenkrebsrate, dafür steigt die Rate an Speiseröhrenkrebs: 17 Prozent Zuwachs jährlich in Australien, 11 Prozent in den USA - in Deutschland werden die Daten erst erhoben.