Ein Selbstschutzmechanismus des Bakteriums könnte die paradoxe Wirkung erklären. Die zerstörerische Wirkung von Helicobacter auf die Magenschleimhaut wird damit erklärt, dass der Keim diese unaufhörlich zu heftigem Säureausstoß anstachelt. Die Schleimhautbarriere bricht zusammen, die Zellen sterben ab, ein Geschwür entsteht. Doch das Bakterium sorgt nicht nur für mehr Säure. Wie mit einem Schutzschild hüllt es sich in neutralisierendes Ammoniak ein und sondert puffernde Bicarbonate ab.

Möglicherweise verursacht die Säure Schäden an den Magenwänden, das Ammoniak aber schützt die Speiseröhre.

Manche halten den Keim gar für einen natürlichen Regulator des Säurepegels, der unter vermehrtem Fettbombardement, Tiefkühlkost und zu wenig Vitaminen ausrastet. Unter normalen Umständen kann der Keim dem Wirt auch auf andere Weise nutzen. Dietrich Rothenbacher und Günter Bode von der Universität Ulm stellten bei einer Untersuchung unter 2500 Kindern zwischen fünf und acht Jahren fest, dass diejenigen, die mit Helicobacter infiziert waren, sehr viel seltener unter Durchfällen litten. Verantwortlich für diesen Schutz könnte ein Eiweißbruchstück aus der Klasse der Cecropine sein, das Wissenschaftler vom schwedischen Karolinska Institut vor zwei Jahren bei Helicobacter entdeckten. Der Stoff wirkt wie ein Antibiotikum. Er tötet das Darmbakterium Escherichia coli genauso ab wie den Erreger der Cholera. "Es scheint fast so", sagt Biologe Bode, "als ob Helicobacter versucht, die Nische für sich allein zu beanspruchen." Andere Keime jedenfalls konnten im höllisch ätzenden Umfeld des Helicobacter bisher nicht entdeckt werden. "Es stellt sich die grundsätzliche Frage, ob der Keim ein Pathogen ist", sagt Bode, "oder ein eher harmloser Mitbewohner."

Für die Mehrzahl der Kongressteilnehmer in Straßburg ist die Sache entschieden. Auch Helicobacter-Freunde wie Bode oder Blaser bezweifeln nicht die Nützlichkeit der Therapie bei Patienten mit Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwüren sowie bei einem seltenen Magenlymphom.

"Entscheidend ist aber die absolute Zahl dieser beiden Krebsarten", sagt Peter Malfertheiner von der Universität Magedeburg. "Während noch immer 12 von 100 000 Menschen an Magenkrebs erkranken, sind es maximal vier beim Speiseröhrenkrebs." Besonders aber bei blutenden Geschwüren wirkt die Antibiotikatherapie wahre Wunder. "Es ist eine Schande", sagt Guido Tytgat von der Universität Amsterdam, "dass heute noch so viele Menschen an diesen Blutungen sterben, obwohl das bei fast allen vermeidbar gewesen wäre." In Großbritannien klagen inzwischen Angehörige von Helicobacter-positiven Patienten, die an Magengeschwüren starben, gegen die behandelnden Ärzte.

Barry Marshall fände es daher zweckmäßig, alle Einwanderer aus Entwicklungsländern, ob mit oder ohne Beschwerden, zu therapieren. Und Anthony Axon aus Leeds, schärfster Helicobacter-Jäger, würde am liebsten Reihenuntersuchungen mit Behandlung bei positivem Befund einführen. Eine derart umfassende Bekämpfung lehnt Allan P. Weston ab. "Zu viele Dinge sind ungeklärt", sagt der Gastroenterologe. "Möglicherweise werden wir eines Tages empfehlen: Sie sollten Ihren Helicobacter behalten, weil Ihr Risiko für einen Speiseröhrenkrebs höher liegt als das für ein Magenkrebs."

Ob mit oder ohne Therapie, der Keim zieht sich schon längst zurück. In Entwicklungsländern sind rund 80 Prozent der Menschen infiziert, in hygienisch besser gestellten industrialisierten Ländern mittlerweile nur noch 30 Prozent. Bei niederländischen Kleinkindern ist Helicobacter kaum noch zu finden. In Zukunft, sagt Weston, könnte es sogar notwendig werden manche Menschen mit Helicobacter zu infizieren. Ein großer Nahrungsmittelkonzern soll schon über einen probiotischen Helicobacter-Drink nachdenken.