Berlin

Alles erscheint plötzlich ganz klein, Berlin ganz anders. Die Berliner Probleme sind in Minuten zu Randfragen geschrumpft. Ein bisschen unwirklich erscheint, was einen hier eben noch umtrieb. Die Bilder aus den Vereinigten Staaten verändern so ziemlich alles. Man versucht dennoch, auch die Krise hier ernst zu nehmen.

Scharping? Was bleibt wirklich? Ein Spiegel-Titel, Rudolf der Eroberer, im umgestülpten Helm mit einer Dame planschend, eine Rekordauflage für die Bunte mithilfe des Verteidigungsministers, dessen späte Entschuldigung, die Liste mit 349 Flügen der Flugbereitschaft seit seinem Amtsantritt und die Erkenntnis, dass der Vorgänger viel häufiger umhergeflogen ist, vor allem aber ein fader Geschmack. Politik insgesamt, das war den Sozialdemokraten beim Zusammenkehren der Scherben schon klar, ist wieder einmal beschädigt worden.

Schon ist das vorbei, und es droht nach der Posse ein mittleres politisches Drama. Jetzt geht es eigentlich zum ersten Mal seit dem Oktober 1998 um den Zusammenhalt der Koalition. Otto Schilys Gesetzentwurf zur Einwanderung wird zum großen Problem. Er mache die Bundesrepublik enger, nicht offener, wie es von dem rot-grünen Bündnis zu erwarten sei, sagen die Grünen.

Sie rüsten moralisch auf. Gerhard Schröder sei kein kleiner Helmut Kohl, die rot-grüne Koalition habe in drei Jahren vieles bewegt, was unter dem Vorgänger liegen blieb, hört man von ihnen. Aber was ist ihr "Thema", das sie sichtbar macht und mit dem sich begründen lässt, dass sie für weitere vier Jahre die Regierung stellen wollen? Diese Frage, die sich die SPD stellt, beschäftigt (oder sollte man sagen: beschäftigte) die Grünen noch drängender.

Mindestens die Parteibasis scheint es jedenfalls so zu sehen. Immerhin drei Landesverbände verlangen bereits einen Sonderparteitag. Und die Parteispitze wirkt so, als sei sie beinahe zu spät aufgewacht. Etwas gerät außer Kontrolle.

Einen populären Kanzler hat die Koalition, sogar einen mit Nerven, auch wenn er mal halb mit Rücktritt droht, einen Chef, den auch die Grünen respektieren. Aber vielleicht ist das ja nicht genug, zumal nicht für Zeiten der Wirtschaftsflaute, bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit. Über das, was man die "Meinungsführerschaft" nennen könnte, verfügen die Sozialdemokraten nicht. Auch nicht die Grünen. Schon gar nicht die Opposition. Keiner hat sie derzeit. Viel Labilität zeigt sich plötzlich, die den Eindruck erweckt, der "starke" Kanzler habe die Fäden nicht wirklich in der Hand. Er muss es geahnt haben. Seinen Ärger und seine Drohgebärden - kontraproduktiv allemal - kann man sich nun besser erklären.