Manchmal stehe ich in meiner Wohnung in Moskau, schließe die Augen und sehe ein anderes Russland vor mir. Vor einigen Jahren habe ich mir in einem Wohnblock, der einst für Parteifunktionäre gebaut worden ist, drei Wohnungen gekauft. Das Haus ist zehn Gehminuten vom Roten Platz entfernt. Ich sehe den Platz vor meinem inneren Auge. Sie müssen wissen, ich gehe da nicht oft hin.

Was soll ich da? Nur Touristen - und diese Leiche. Lenin. Die muss weg. Wenn dieses Mausoleum eines Tages verschwunden ist, wäre das die Erfüllung eines Traumes.

Träume, die man nachts im Bett träumt, finde ich nicht relevant. Dann gibt es aber noch die Träume, die unerreichbar, unerfüllbar sind. Die Tagträume. Und es gibt Träume, man kann auch sagen Visionen, die Aussicht haben, verwirklicht zu werden, wenn man sich bemüht und etwas Glück hat, wenn die Menschen mitmachen und die Umstände passen. Für mich sind zwei Träume sehr wichtig. Der eine gehört zur letzten Kategorie, der andere zur zweiten, den Tagträumen.

Der Traum, den ich nicht verwirklichen kann, für den ich aber lebe, ist der von einem freien Russland. Das klingt vielleicht sehr hochgestochen, von mir aus auch hypervisionär, aber es ist so. Unser Land hat gelitten, Jahrhunderte lang. Hoffentlich werde ich alt genug, um eines Tages ein neues Russland zu erleben. Ein Land in Blüte, mit Demokratie und Marktwirtschaft. Nicht regiert von KGB-Offizieren, die das Alte ja wie Muttermilch aufzusaugen hatten und bislang die Adern nicht spülten. Ich möchte nicht, dass mein Sohn Vadim, er ist jetzt viereinhalb, in einem Land voller Doppelmoral und Korruption aufwächst.

Viele mögen sagen: Russland hat doch ein Parlament, einen gewählten Präsidenten. Aber diese Demokratie ist nur Camouflage, ein Potemkinsches Dorf. Es gibt demokratische Einrichtungen, ohne Zweifel. Aber ihnen fehlt die Grundlage, den Willen des Volkes zu erfüllen.

Natürlich könnte ich in einem freien Land leben, ohne Probleme in die USA oder nach Deutschland gehen. Aber ich werde Russland nicht verlassen, es sei denn, man zwingt mich. Nur so kann ich meinen Landsleuten helfen. Im Vergleich zur großen Mehrheit habe ich einen komfortablen Lebensstandard. Ich bin auf niemanden dort angewiesen, verdiene mein Geld im Ausland. Wenn ich ginge, wäre das ein schlechtes Signal für alle, die auf bessere Zeiten hoffen. Ich will mich nicht überschätzen, aber mein Weggang würde den Pessimismus der meisten russischen Intellektuellen noch verstärken.

Es gibt nur noch wenige Journalisten in Russland, die offen ihre Meinung sagen, und sie brauchen eine Stimme, die sie unterstützt. Ich spüre deutlich, dass in meiner Heimat die Angst wiederkehrt. Nicht so schlimm wie in der Breschnew-Ära, aber es existiert eine Angst, sich frei zu äußern, bestimmte Dinge zu tun. Man zensiert sich selbst, um nicht anzuecken. Es ist die allumfassende Angst, die unter Lenin entstanden und unter Jelzin gewichen ist. Unter Putin kehrt sie zurück.