Mit einer Ausstellung über Hieronymus Bosch das Jahresprogramm einer europäischen Kulturhauptstadt zu krönen, wie es derzeit in Rotterdam geschieht, ist riskant. Es war klar, dass man die Hauptwerke dieses Malers, die drei großen Triptychen, die sich schon im 16. Jahrhundert König Philipp II. nach Spanien geholt hatte, nicht für die Ausstellung bekommen würde. Der Versuch, so gut wie alle Zeichnungen zusammenzubringen, ist zwar zum ersten Mal geglückt, doch bemerkt auch der Laie bald, dass von den 28 Blättern allenfalls sechs so gut sind, dass sie fraglos dem Meister selbst zugeschrieben werden können.

Das malerische Werk des Hieronymus Bosch besteht aus kaum mehr als fünfundzwanzig, nicht selten beschädigten oder übermalten Bildern, auf deren Eigenhändigkeit sich die Forschung einigen konnte. Im Vorfeld der Ausstellung hat man alle erreichbaren Werke den modernsten technischen Prüfverfahren unterworfen, für die international der Hamburger Natur- und Kunstwissenschaftler Peter Klein zuständig ist. Für manche Museen brachte diese Prüfung herbe Enttäuschungen, so muss in Köln das Wallraf-Richartz-Museum endgültig darauf verzichten, eine Geburt des Kindes mit Bosch in Verbindung zu bringen, da der Baumstamm, von dem die Tafel stammte, frühestens um 1565, also fünzig Jahre nach dem Tode des Meisters (1516) gefällt wurde.

Aber auch in anderer Hinsicht hat die wissenschaftliche Überprüfung nur Unsicherheit gebracht. Es gibt kein datiertes Bild von Bosch, sodass sich die Forschung mühsam eine stilistische Entwicklung erarbeiten musste, die jedoch dadurch merkwürdig war, dass man keine künstlerische Herkunft, kein Frühwerk ausmachen konnte. Zu den wissenschaftlichen Sensationen dieser Ausstellung gehört, dass man zwei Gemälde, darunter den Berliner Johannes auf Patmos, einem Schnitzaltar in der Johanniskirche zu 's-Hertogenbosch zuordnet, für den 1488 bei Bosch zwei Flügelgemälde bestellt wurden. Damit wären erstmals frühe Bilder nachgewiesen. Aber schon werden Gegenvorschläge angekündigt. Für die Rekonstruktion eines Frühstils ist besonders irritierend, dass es dendrochronologisch möglich ist, ein Hauptwerk, den Garten der Lüste im Madrider Prado, früh, etwa um 1480, zu datieren, eine Möglichkeit, die der Katalog tapfer durchspielt. Kurzum: Nichts ist mehr sicher. Der wissenschaftliche Stab der Ausstellung hat sich als Erklärung für die qualitativen und stilistischen Diskrepanzen in Boschs OEuvre einen Familienbetrieb vorgestellt, in dem ein Vater, ein Bruder, Meister und Gehilfen tätig waren, um die Bestellung der zumeist gut situierten, bald auch schon fürstlichen Kunden zu befriedigen.

Aus dieser Not mit Bosch macht die Ausstellung eine durchaus beachtliche Tugend, indem sie zu Recht behauptet, dass die Wiederholungen, Kopien, Nachahmungen von Boschs Werken selbst ein deutungsbedürftiges und ausstellungfähiges Phänomen sind. So sind in der Mitte des Ausstellungsraums in halbkreisförmigen Kojen die etwa zwanzig relativ gesicherten Werke zusammengestellt. Diesen Originalen sind in Kojen an der Peripherie des Raumes Kopien, Varianten oder ikonografische Vergleichsbeispiele aus anderen Gattungen wie Kommentare zugeordnet. So wird der Besucher nach einführenden Abteilungen, die Boschs künstlerische, frühhumanistische und soziale Umwelt in 's-Hertogenbosch vorstellen, belehrt über viele Aspekte spätmittelalterlicher Moralistik, über die verabscheuten Bettler, Krüppel und fahrenden Leute, über die Torheiten und Narreteien dieser Welt. In zwei großen Sälen wird in der Ausstellung der Nährboden von Boschs bildlichen Fantasien in einer volkstümlichen, massenhaft verbreiteten Bildproduktion gesucht. Zahlreiche Objekte aus dem Alltagsleben, Töpfe, Messer, Spieße und Gabeln kommen in Boschs Bildern immer wieder als Folterwerkzeuge zum Einsatz.

Und die perversen Zwitterwesen, Gnomen, Chimären, Tiere werden in Hunderten von vergleichbaren Pilgerzeichen und Anstecknadeln aus dem reichhaltigen Fundus, den das Boijmans-Van-Beuningen-Museum besitzt, als Boschs Anregungsmaterial ausgebreitet. Damit, so scheint es, fügt sich das Werk von Bosch in den Bilderhaushalt seiner Zeit ein.

Tatsächlich erweist sich dies als die unausgesprochene Hauptthese der Ausstellung: Bosch war ein ganz normaler Zeitgenosse. Man hat ihn immer wieder entweder mit psychischen Wahnvorstellungen belastet gesehen oder in der Nähe von Ketzern, Katharern, Freigeistern, adamitischen oder alchimistischen Geheimbünden vermutet, die man in seiner Umgebung, selbst in der Bruderschaft Unserer Lieben Frau, zu deren elitärem Kern Bosch gehörte, aufgespürt zu haben glaubte. Heute wird diese Deutung kaum noch vertreten.

Wenn man den Stichworten folgt, die in der Ausstellung an den Wänden in großen Lettern die Abteilungen begleiten, dann war Bosch geradezu ein Bill Graham christlicher Rechtschaffenheit. Danach wären die Menschen in seinen Bildern der Sünde, dem Fleisch, der Habgier verfallen