Ich gehöre mit meinen 80 Jahren zu den Zeitzeugen, und ich könnte schreien, wenn ich die Verdächtigungen der Herren Historiker gegen Sebastian Haffner, Georg Elser oder Leo Baeck lese, man habe 1938 (!!) noch nicht das Wissen haben können, welches diese "angeblich" hatten.

Mein Vater hat schon in den zwanziger Jahren gesagt: "Wenn Hitler an die Macht kommt, bedeutet das Krieg, und dann Gnade uns Gott!" Oft sprach er von der "Regierung der Minderwertigen", nicht aus Überheblichkeit, sondern als überzeugter Demokrat, aus Mitleid und menschlichem Anstand, wie es Haffner in seinem Buch ausdrückt.

Ich besuchte als Mädchen eine "Oberschule für Jungen". Ein Jahr vor dem Abitur, 1938, kam unerwartet der Hausmeister in den Unterricht und verkündete, dass die Herbstferien ab sofort um eine Woche vorverlegt würden (Sudetenkrise). Daraufhin Freudengejohle der Klasse! Unser Deutschlehrer aber stand todernst und bleich vom Pult auf und sagte zu uns: "Freut euch nicht, das ist die Katastrophenpolitik Hitlers, die zum Krieg führen wird, und ihr werdet die ersten Opfer sein!" Dann setzte er sich wieder, schlug die Hände vor das Gesicht und weinte. Am anderen Tag durfte er die Schule nicht mehr betreten, und uns wurde streng verboten, mit dem Lehrer Kontakt zu halten.

Aber, wie Recht hatte er! Die Hälfte meiner Klassenkameraden (Jahrgang 1920/21) ist gefallen, die ersten schon ein Jahr später in Polen, auch der Sohn des Lehrers. Aber das alles waren "erschießliche" (Heinrich Heine) Gedanken, die man, ohne in Lebensgefahr zu geraten, nicht äußern konnte. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie nicht von mehr Menschen gedacht und auch geäußert wurden, als die Herren Beurteiler von heute wahrhaben wollen.

Gertrud Motzer, Stuttgart