Dieser Herbst strahlt ganz in den kräftigen Farben des Expressionismus - nicht nur in den Museen, auch in den Auktionssälen. Am 22. September eröffnet in Wien das Museum Leopold mit der bedeutenden Egon-Schiele-Sammlung, mit Gemälden von Oskar Kokoschka und Gustav Klimt. Einen Monat später, ab dem 22.

Oktober, zeigen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden die stattliche Übersichtsschau Die Brücke in Dresden. Und nicht zuletzt verwirklicht sich am 9. November in New Yorks bester Lage an der Fifth Avenue der Traum des 1996 verstorbenen Galeristen Serge Sabarsky mit der Neuen Galerie New York. Nach dem Vermächtnis des Österreichers konzentriert sich das private Haus mit Museumsstatus auf Spitzenwerke deutscher und österreichischer Kunst. Dazu zählt auch das im Frühjahr bei Sotheby's für 49,8 Millionen Mark als bisher teuerstes deutsches Bild versteigerte Selbstbildnis mit Horn von Max Beckmann aus dem Jahr 1938. Das Klima für den Saisonauftakt der großen Herbstauktionen könnte also nicht besser temperiert sein. Christie's, Sotheby's und Phillips de Pury & Luxembourg - sie alle haben Werke vom Anfang des 20. Jahrhunderts anzubieten.

Dabei haben die Konkurrenten im Vorfeld um Bilder und ganze Sammlungen von Rang gebuhlt. Beispielsweise um die Gemälde des deutsch-amerikanischen Finanziers Diethelm Hoener, der in diesem Januar im Alter von 60 Jahren tödlich verunglückte. "Alle haben diese Sammlung auf ihren Wert taxiert", sagt Christie's Deutschland-Repräsentant Andreas Rumbler offen. Die Witwe Stephanie Hoener vertraute das kleine, feine Konvolut von 49 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen von Karl Schmidt-Rottluff, Erich Heckel, Emil Nolde, August Macke, Alexej Jawlensky, Max Liebermann und Kurt Schwitters letztlich Phillips an. Schätzpreis: insgesamt 20 Millionen Mark. Und das "ohne Preisgarantie", wie Michaela Neumeister aus dem Hause Phillips betont.

Bevor die Werke am 5. November in New York unter den Hammer kommen (zusammen mit den 80 Arbeiten der amerikanischen Sammlung Smooke), geht das Hoener-Konvolut ab dem 12. September auf eine Werbetournee mit Stationen in Hamburg, Köln, Frankfurt, Berlin, München und Zürich. Zu den Spitzenstücken, von denen sich Stephanie Hoener zugunsten des Aufbaus ihrer eigenen Sammlung zeitgenössischer Kunst trennt, gehören Emil Noldes Frühwerk Teetisch von 1911 (für 1 bis 1,5 Millionen Dollar), eine prachtvolle Lesende aus dem gleichen Jahr von Karl Schmidt-Rottluff (1,6 bis 2,5 Millionen Dollar) und zwei Strandszenen von Max Liebermann aus den Jahren 1898 und 1908. Der Phillips-Termin liegt spät, der Ort New York ist aber vielleicht günstiger als London, wo Sotheby's und Christie's deutsche und österreichische Kunst am 10. und 11. Oktober zum Aufruf bringen. Auch die beiden Marktführer rühren bis zum Versteigerungstermin noch kräftig die Werbetrommel - unter anderem geben sie Empfänge und laden zu gesetzten Essen in Frankfurt, Wien, Köln, München und New York. Diesem aufwändigen Ritus hat sich inzwischen Phillips angeschlossen, auch wenn aus konservatorischen Gründen nicht allen Sammlern dieses Herumreisen und -reichen ihrer Werke behagt und sie sich verweigern.

An den Erfolg des Beckmann-Schlüsselwerks Selbstbildnis mit Horn will wohl ein amerikanischer Einlieferer bei Christie's mit dem 1936/37 im niederländischen Exil entstandenen Bildnis Matrose anschließen. Der Schätzwert des in Berlin begonnenen und später in Amsterdam vollendeten Gemäldes mit einem sitzenden, lakonisch blickenden Matrosen, der die sozialistische Zeitung Het Volk in der Hand hält, liegt bei sechs bis acht Millionen Pfund. Mit Ware von rund 50 Millionen Mark geht das Londoner Unternehmen einen Monat lang auf Tour. Nach fünf deutschen Stationen im Zweitagesrhythmus bis zum 17. September lässt Sotheby's die Trophäen für die kommende Auktion noch bis zum 4. Oktober von Zürich über Wien und New York nach London tingeln, wo sich Liebhaber und potente Käufer an einer Dame im Fauteuil von Gustav Klimt um 1897 (3,1 bis 4,6 Millionen Mark), Feuerlilien und Rosen von Emil Nolde von 1915 (2,5 bis 3,2 Millionen Mark) delektieren können. Auch bei Sotheby's setzt man auf den Erfolg des im Frühjahr so sensationell abgesetzten Beckmanns und hat weitere Arbeiten des Malers lockergemacht, darunter den im Exil entstandenen Genius aus dem Jahr 1945.

Die durch die skeptische Künstlerbrille gemalte Ansicht eines Optikerladens soll laut Schätzung knapp zwei Millionen Mark bringen.

Wie auch immer die goldenen Herbstblätter oder Dollarnoten in Kürze herumwirbeln, die Neue Galerie New York steht an den Eröffnungstagen im Schatten eines Prozesses, den die Erben von George Grosz gegen sie angestrengt haben. Der Ideengeber und Galerist Sabarsky soll mehr als 400 Arbeiten mithilfe fingierter Kaufverträge weit unter Preis an sich gebracht haben.