Tote Indianer sind gute Indianer. Und jetzt, nachdem der Indianerhäuptling Roaring Bull alias Marcel Reich-Ranicki seinen Rückzug bekannt gegeben hat, melden sich die tapferen Cowboys vom Verband deutscher Schriftsteller und "nehmen mit Befremden zur Kenntnis, dass das ,Literarische Quartett' ersatzlos aus der deutschen Fernsehlandschaft gestrichen werden soll". Die Sendung habe "den unbestreitbaren Vorzug gehabt, dass sie Literaturkritik fernsehtauglich machte und das Interesse an Büchern und ihren Autoren auf geradezu ungeahnte Weise förderte".

Ungeahnt - das ist gut gesagt. Als die Sendung vor dreizehn Jahren begann, gehörte es unter Schriftstellern und Intellektuellen zum guten Ton, schlecht übers Quartett zu reden. Eine "grelle Show", schimpfte noch 1995 Siegfried Unseld und prophezeite das baldige Ende. Im selben Jahr nannte die Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages Antje Vollmer die Sendung "barbarisch" und Reich-Ranicki einen "Hysteriker". Sie sagte: "Der Mann ist eine der sieben Plagen, die wir vermutlich verdient haben."

Und jetzt der Schriftstellerverband: "Wir als Autoren müssen darauf insistieren, dass der Tod des ,Literarischen Quartetts' nicht den Tod der Literatur im Fernsehen nach sich ziehen darf." Hat die Literatur im Fernsehen je gelebt? Sinnend an der Elbe Strand wandelt die Dichterin, während bedeutungsschwere Sätze übers dunkle Wasser klingen. So oder ähnlich hätte man Brigitte Kronauers Teufelsbrück im Fernsehen üblicherweise bebildert. Im Quartett wurde darüber gestritten, das hat dem Roman mehr genützt als jede noch so stimmungsvolle Totale.

Mit Literaturkritik hatte die Sendung wenig zu tun. Sie war der Ort schlecht gelaunter Sottisen und gut gelaunter Pointen, eitler Banalitäten und lebenskluger Weisheiten über neue Bücher. Gerade die leidenschaftliche Willkür Reich-Ranickis, der Mangel an Gründlichkeit und Seriosität waren der Witz der Sendung. Es gibt ja eine ähnliche im Schweizer Fernsehen, wo intelligente Kritiker intelligent über intelligente Bücher reden. Das will aber kaum jemand gucken, denn Fernsehen ist immer auch Jahrmarkt, wo das Kalb mit drei Köpfen allemal spannender ist als das mit bloß zweien. Inzwischen hat das jeder kapiert, und die jetzt überall erschienenen Nachrufe waren ebenso freundlich wie die ersten Kritiken damals unfreundlich.

Literatur im Fernsehen - eigentlich geht das gar nicht. Mit Reich-Ranicki ging es. Nun geht er. Einen Nachfolger, der dasselbe ähnlich weitermachte, wird es nicht geben. Ihn auf der Stelle zu suchen wäre, so sagt man im ZDF, "taktlos" und, so ließe sich hinzufügen, aussichtslos. Gesetzt den Fall aber, irgendwann fände sich einer, der mit Kenntnis, hellem Zorn und finsterer Miene die Literatur aufs Neue ins Fernsehen brächte - mit Sicherheit wären wir alle, die wir uns als Literaturfreunde betrachten, empört. Und wahrscheinlich wäre der Verband deutscher Schriftsteller unter den Ersten, die protestieren, gegen den Niveauverlust, den Niedergang der Kritik et cetera. Aber noch gibt es keinen neuen Indianer.