Die katholischen Schulkinder des Belfaster Arbeiterviertels Ardoyne gehen jeden Tag einen lebensgefährlichen Weg. Protestantische Nachbarn beschimpfen die Kinder und die Eltern, die sie begleiten. Sie werfen Steine, zuletzt sogar eine Brandbombe. Dieser Spießrutenlauf ist nicht einfach Ausdruck eines diffusen Hasses der Protestanten. Es geht um Territorium in einem Kriegsgebiet. Vor 30 Jahren "säuberten" die Eltern der heutigen Steinewerfer den Stadtteil mit Bomben und Gewehren, brannten 120 Häuser nieder und vertrieben über 3000 Katholiken. Seit diesem "Belfaster Pogrom" trennt eine fünf Meter hohe Friedensmauer die einstigen Nachbarn. Wer sie fortan überquerte, wollte meist töten. Von den 3500 Toten, die der Nordirlandkonflikt forderte, stammt ein Viertel aus Ardoyne. Ganze Generationen begegneten sich nur als potenzielle Mörder. Jetzt bröckelt die Frontlinie unter dem Druck einer hohen katholischen Geburtenrate. Rentner und leere Häuser hier, eine Flut von Kleinkindern dort. So schreien die Protestanten den jungen katholischen Familien ihre Existenzangst entgegen.

Die heute Fünfjährigen sind ihnen das Menetekel ihres kulturellen Untergangs.

Andererseits wollen resolute katholische Mütter ihren Kindern schon vor der ersten Schulstunde auf der Ardoyne Road ihre Bürgerrechte lehren. Aber die erste Lektion für sie lautet: A wie Apartheid.