Albrecht Krüger ist bester Laune. Der Chef der Sentech Instruments GmbH hat gerade die Jahresbilanz erstellt, und was vom Zehnmillionenumsatz unterm Strich übrig geblieben ist, macht ihm sichtlich Freude. Nach der Wende hatte sich der Physiker von der DDR-Akademie der Wissenschaften verabschiedet und mit einem Marketingmann zusammengetan, um Messgeräte für besonders dünne Schichten auf den Markt zu bringen. Das neue Technologiezentrum Adlershof im Südosten Berlins bot ihm die ideale Plattform: Infrastruktur, Geschäftspartner, unkomplizierte Kontakte. "Man muss mal beim Nachbarn durchs Mikroskop gucken können, ohne gleich zehn Mark zu bezahlen", sagt Krüger. In dem Technologiezentrum ist das möglich. Sonst käme Krüger kaum zu dem Schluss: "Ich bin ein bekennender Adlershofer."

Ein paar hundert Meter Luftlinie vom architektonischen Vorzeigebau des Photonik-Zentrums, in dem die Sentech residiert, zeigt Eberhardt Jaeschke auf ein Photo, auf dem außer ein paar Bäumen nichts als Brachland zu sehen ist: "So sah 1994 der Bauhof der Akademie der Wissenschaften aus, unser Standort."

Heute steht dort Bessy II, ein Elektronenspeicherring, das Nonplusultra auf dem Gebiet der Synchrotronstrahlung. Neben Bessy I auf dem Gelände der Freien Universität in Dahlem war kein Platz mehr, also fiel die Entscheidung für den Bau von Bessy II zugunsten von Adlershof. Bessy-Chef Jaeschke, nebenbei Professor an der Humboldt-Universität, nennt diesen Beschluss im Rückblick "hervorragend". Der Hauptgrund: "Es gibt hier 13 außeruniversitäre Forschungsinstitute. Ich hätte Schwierigkeiten, eines zu nennen, mit dem wir nicht zusammenarbeiten."

Dabei sein, wenn die Post abgeht

Wer in Berlin nach der Zukunft fragt, der landet früher oder später in Adlershof, dem Paradeprojekt der Berliner Wirtschafts- und Wissenschaftspolitik und, so die amtliche Einstufung, modernsten Technologiepark Europas. Mit Fabrikhallen und Montagebändern verbindet niemand mehr die Zukunft der Berliner Wirtschaft. Eine Industriemetropole von Weltrang, das war Berlin bis zum Zweiten Weltkrieg. Große Namen wie AEG oder Borsig, einst der Stolz der Hauptstadt, sind untergegangen. Von Siemens ist an der Spree nicht viel übrig geblieben, die einstigen Kombinate Ost-Berlins haben allesamt dichtgemacht. Einzig Schering hat als industrielles Schwergewicht noch Produktion und Firmensitz in Berlin. In der deutschen Hauptstadt, so ermittelte das Wissenschaftszentrum Berlin, arbeiten nur noch 14 Prozent der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Industrie

in der Technologiehochburg München sind es noch 23 Prozent.

Das Ausbluten der Industrie hat die Berliner Wirtschaft in den letzten Jahren arg gebeutelt. Die spektakuläre Kulisse des Potsdamer Platzes, der Zuzug der Bonner, der Glamour einer aufgeregten Partyszene, der Boom in Berlin-Mitte - all das täuschte darüber hinweg, dass Berlin alles andere ist als eine prosperierende Metropole. Die Banken haben nach der Wende zwar schicke Repräsentanzen aufgebaut, denken aber nicht im Traum daran, ihre Firmensitze von Frankfurt am Main an die Spree zu verlegen. Industriekonzerne, Versicherungen, Handelshäuser - Fehlanzeige. Das Handwerk ist mit über 200 000 Beschäftigten immer noch die wichtigste Branche Berlins. Bissig konstatierte Ludolf von Wartenberg, der Hauptgeschäftsführer des BDI, Berlins Wirtschaft spiele "eher in der dritten Liga". Die Zahlen sind in der Tat eindeutig: Zwischen 1991 und 1999 wuchs Berlins Wirtschaft um nicht mehr als 1,4 Prozent. Dass es im vergangenen Jahr auf einen Schlag zu einem Plus von 0,9 Prozent reichte, gilt da als Erfolg, und unterm Strich nimmt auch die Zahl der Jobs wenigstens nicht mehr ab.