Nach 15 Jahren Verhandlungsmarathon scheint der Beitritt Chinas in die Welthandelsorganisation perfekt zu sein. Die Verabschiedung auf der WTO-Ministerkonferenz Anfang November in Qatar wirkt nur mehr wie eine Formsache. Sicher ist: Auch der letzte noch anhängige Streit zwischen Brüssel und Washington um die Begünstigung einer amerikanischen Versicherungsgesellschaft in China kann das Ergebnis der Verhandlungen nicht mehr infrage stellen. Ab 2002 wird sich die kommunistisch regierte Volksrepublik zur kapitalistischen Weltordnung bekennen.

Ein jahrzehntelanger Streit innerhalb der Kommunistischen Partei Chinas ist damit entschieden. Deng hat über Mao gesiegt und mit ihm die Reformer und Öffner des Landes über die Verfechter eines Arbeiter-und-Bauern-Staates, wie ihn sich viele ältere Chinesen bis heute erträumen: arm zwar, aber gerecht

vom Kaiser ebenso befreit wie von der Korruption. Dieses China hat es nie gegeben und wird es nie geben.

Der alte Streit um die Zukunft Chinas wird von einem neuen abgelöst - und der beginnt in dem Moment, in dem die orthodoxen Maoisten ihre letzten Posten im Politbüro verlieren und die WTO-Richtlinien zum kommunistischen Parteiprogramm werden. Nur wird dieser Streit nicht mehr im engen Parteirahmen stattfinden. Denn die ganze Welt führt ihn bereits im Zuge der Globalisierungsdebatte.

Wie viele von Chinas 800 Millionen armen Landbewohnern werden durch den Beitritt zur WTO reicher werden? Wie viele von ihnen halten der Öffnung des Agrarmarktes nicht stand und fallen zurück in Hunger und Not? Wie viele von Chinas 200 Millionen Industriearbeitern werden die neue Mobilität der Produktionsmittel nutzen und sich eigenen Wohlstand erarbeiten? Wie viele von ihnen werden in den Migrantenghettos der Metropolen in Arbeitslosigkeit versinken?

Niemand, schon gar nicht der WTO-Präsident in Genf oder der KP-Chef in Peking, kann das heute auch nur ansatzweise beantworten. Im Kern geht es um die Frage: Kann das westliche Kapitalismusmodell dem Gros der Chinesen zu materiellem Auskommen und menschenwürdigen Lebensumständen verhelfen? Wird gelingen, was zuvor in Japan, Taiwan und Südkorea gelang? Die dort viel bewunderten asiatischen Tugenden versprechen China mehr Erfolg als etwa Indien oder Brasilien. Doch nun sollen über eine Milliarde Menschen, die bisher zum allergrößten Teil in einer stark regulierten Landwirtschaft und einer planwirtschaftlich organisierten Industrie ein bescheidenes Auskommen fanden, innerhalb weniger Jahre als Arbeitskräfte auf dem Weltmarkt mitbieten - ein historisch beispielloses Experiment. Sein Erfolg oder Misserfolg wird über die Zukunft der Globalisierung insgesamt entscheiden.

Noch ist China die Trumpfkarte der Globalisierungsbefürworter, die die anstehende WTO-Ministerkonferenz in Qatar vor dem Scheitern retten soll. Auch wenn sich die 141 Mitgliedsstaaten der WTO im November erneut nicht auf eine neue globale Handelsrunde einigen können, würde allein die Aufnahme Chinas für die fortschreitende Dynamik des globalen Liberalisierungsprozesses bürgen.