Celebes hieß eine Insel Indonesiens, als die Portugiesen dort herrschten.

Heute nennt man sie Sulawesi. Aber ein Fox-Schnauzer-Spitz-Mischling darf deshalb natürlich trotzdem Celebes heißen. Zumal Sulawesi eher nach einer überzüchteten Rassehündin klingt als nach einem Mischlingsrüden mit einem halbsteifen linken Hinterlauf.

Celebes hieß der Inseltraum, den der abgestürzte Im- und Exportkaufmann Franz Xaver Rothammer mit unter Münchner Brücken nahm. Celebes war das Land, von dem er träumte, ein Land ohne Februarkälte, ohne Meldebehörde und Polizeiuniformen. Die Gefilde, wo Franz, so erzählte er, eine kurze Spanne seines Lebens jung, wohlhabend und glücklich war. Das sei lange her, sagte er, verdammt viele Jahre vor seinem Absturz in die Fuselflasche.

Als ihn im Mai 1998, zwei Jahre vor seinem finalen Leberkoma, eine nasskalte Hundeschnauze aus seinem Nachmittagsschlummer weckte, hatte er wieder einmal geträumt, er liege glücklich am warmen Strand von Manado auf Celebes.

Der Hund, ein Streuner wie Franz, blieb, und es blieb auch der Name, der beim Zusammentreffen von vierbeinigem mit zweibeinigem Tramp diffus in der Luft hing nebst Fliederduft aus dem Englischen Garten und dem Odeur von Billigrum.

Celebes lernte schnell, dass von jenen Menschen, deren Schweißgestank diese eigenwillige Alkoholschärfe hatte, fast ausnahmslos Gutes ausging: Wurstrinden, Pommesreste, angenehme Brummellaute. Celebes hatte sein neues Herrchen, man könnte sagen: im Sturmlauf erobert, wäre da nicht Celebes' auffälliges Hinken gewesen, lebenslanges Andenken an eine Schlacht mit einem Schäferhund. Und als er schon in der dritten Nacht seines Beisammenseins mit Franz einen Diebstahl verhinderte (Scharlachberg Meisterbrand! Leider beklauen Penner vorzugsweise Penner), hatte Celebes seine neue Stelle absolut sicher.

Es waren gute Zeiten. Wenn es das Wetter erlaubte, lag Celebes neben einem Hut, in den bisweilen kleine, blitzende Scheibchen geworfen wurde. Und Celebes wusste, wenn dieser Hut klimpernd geleert wurde, gab es Wurstenden für ihn und eine Auffrischung der Duftaura für Franz. Das waren gute, verlässliche Eckpunkte in einem Hundeleben.

Papu, der Punker, kam nie ohne ein sensationelles Gastgeschenk

Häufig und regelmäßig kam ein Zweibeiner, von dem ein stechender Geruch ausging. Niemandem fiel auf, dass es dann immer Wochenende war - Wochenende ist weder für einen Tramp noch für einen Hund ein beziehungsreicher Begriff.

Der Geruch entströmte einem krustig aufgerichteten Kopffell. Außerdem ließ sich an der glatten Außenseite des Zweibeiners viel Kaltes beschnüffeln.

Celebes wusste natürlich weder, was ein Punk ist, noch, worum es sich bei einem Irokesenschnitt oder Piercing handelt, und er hatte mit der Schnauze nie eine Lederhose berührt.

Wichtig und überzeugend war, was der Besuch zu bieten hatte: Mal waren es Kotelettknochen, mal klebrige Brösel. Meist erhob sich Celebes schon, wenn ihn erste Duftspuren des Kopffells von weitem anwehten

und dieser Geruch trieb ihm vorfreudig Wasser zwischen die Lefzen.

Die Vorfreude täuschte nie. Papu, der Wochenendpunk aus Giesing, kam nie ohne Gastgeschenk. Für Franz war das meist Flüssigkeit, für Celebes irgendetwas Sensationelles.

Eines Samstags kam Celebes Papu winselnd und mit hysterisch weiten Schwanzschlägen entgegen, umkreiste ihn, ignorierte die zugeworfenen Putenknochen und verfiel dann, als Papu ihn gebührend abtätscheln wollte, in heiseres Gebelle.

Da stutzte Papu erst und hatte dann eine Ahnung. Er beschleunigte von Trab auf halben Sprint und konnte Celebes trotzdem nicht folgen, obgleich der, auf dreieinhalb Beinen im Sturmlauf humpelnd und Papu umkreisend, sicherlich die dreifache Strecke zurücklegte.

Papus Ahnung bestätigte sich. Franz lag reglos unter seinem Bundeswehrtarnzelt.

Eine leise Frage als Vermächtnis: Was wird aus dem Hund?

Das tat er häufig. Aber diesmal war er kalt. Papu zählte drei Flaschen Wodka Gorbatschow. Amtlicherseits musste man sich um nicht mehr kümmern als um die Überreste des Nichtsesshaften Franz Xaver Rothammer, geboren in München-Pasing, 61 Jahre alt

der früh gestrandete Import-/ Exportkaufmann hatte nichts Brauchbares hinterlassen.

Und doch gab es etwas, das Papu - bürgerlich Ralf Papen * und Lagerist von Beruf - im Nachhinein als Vermächtnis verstehen musste. Franz hatte ihm in einem der seltener werdenden Momente relativer Klarheit gesagt: Leben und Leber lassen! So ist das mit mir, und so geht das mit mir dahin. Aber was wird aus Celebes? Es war nur so eine Frage, deren ernsthaften Beigeschmack Franz sogleich mit Hochprozentigem desinfiziert hatte. Aber Papu wusste, dass er dem besten Geschichtenerzähler ohne festen Wohnsitz südlich der Donau eine Antwort schuldig war.

Celebes zog weite Kreise. Er durchschnüffelte die Hinterfront des Supermarkts, wo regelmäßig abgelaufene Lebensmittel verteilt wurden, hechelte von den Nachtlagern unter zwei Isarbrücken zu den Plätzen, an denen die Ausdünstungen von Schnaps und Schweiß auch vom Regen nicht abgewaschen wurden. Anfangs waren da noch Erinnerungen an Franz, die an Parkbänken und der Pritsche in einer aufgegebenen Laube klebten. Doch auch die verflogen mit der Zeit.

Papu kam regelmäßig unter die Brücke, den Ort, an dem Franz Celebes' Welt verlassen hatte. Celebes ließ sich kraulen, atmete die Schärfe, die von Papus aufgerichtetem Kopffell ausging, beschnüffelte das Metall in der bleichen Haut und schloss die Augen. Dann war es ihm, als läge er zwischen den beiden, zwischen Franz und dem freundlichen Besucher.

Nach einer angemessenen Trauerzeit begann Celebes Papu zu begleiten, bis zu dessen Wohnung in Giesing. Die Schwelle zu einer menschlichen Wohnhöhle mied er aber, so wie er es ein halbes Hundeleben lang gehalten hatte. Wenn Papu die Tür zum Treppenhaus schloss, drehte Celebes sich auf der Stelle um und stromerte in seinem unverwechselbaren Dreieinhalb-Bein-Stakkato wieder isarwärts.

Papu war genau genommen ein Expunk. Er gehörte mit 37 nicht mehr zu den ganz Harten, die, leidlich von der Fürsorge alimentiert, irgendwo hinterm Ostbahnhof abhingen. Punkzeit, das waren die Achtziger! Seine Zeit. Papu arbeitete wochentags in einem Großhandel für Autozubehör, einem sehr metallhaltigen Ort, wo das viele Schmuckeisen in seinem Gesicht wenig deplatziert erschien.

Aber an Wochenenden richtete er sich auf, was sich äußerlich und symbolisch in einer siebenzackigen, meist ultramarin gefärbten Irokesenbürste vergegenständlichte. Und an warmen Samstagen konnte es geschehen, dass er sich nostalgisch zum Schlafen im Freien ausrollte. Celebes fand ihn immer, egal, ob er sich am Flaucher im Kiesstrand der Isar ausstreckte, nachdem die letzten Grillenthusiasten gegangen waren, oder irgendwo am Monopteros im Englischen Garten, dem Hügel im Abwind der zehntausend Alkoholfahnen bierseliger Freizeittrinker.

Celebes wurde magerer. Das Leben an der Seite von Franz war einfacher gewesen. Neben Franz hatte keine Notwendigkeit bestanden, sich mit übergewichtigen Bullenbeißern um Käseecken zu streiten oder flinken Ratten aufzulauern. Und eines Samstags entdeckte Papu an Celebes' linker Flanke eine tiefe, eitrige Fleischwunde. Er wusste, dass sich Celebes nicht lebend in eine Tierarztpraxis bringen lassen würde. Also besorgte er Jodtinktur. Und Celebes biss leise winselnd die Zähne zusammen.

Papu war für ihn eine Gestalt, die das gute Gefühl von Geborgenheit, von Rudel, von beschützendem Überhund mit sich brachte. Fast ein Franz. Celebes lernte zählen: hundgemäß zählen. Er wusste, wann die sieben Tage verstrichen waren, wann es sich wieder lohnen würde, die Isarauen nach einem blauen Halbstern aus Haaren abzusuchen und die Luft nach einem scharfen Geruch, der aus dieser Bläue kam - wie aus einer überdimensionalen Blume.

Dieser Mischling war immer Punk geblieben - ohne Kompromisse

Für Papu war Celebes der Blindenhund, der ihn in die wilden Achtziger zurückführte, in diese Vogelfreiheit, die vor allem die Verachtung der Normalos brauchte, die Zeit, als man sich nach durchtrunkenen Nächten morgens das Gesicht von einer Hundezunge waschen ließ und sein Wasser in Vorgärten abschlug. Samstag war für Papu der Tag der kleinen Fluchten: zurück auf den alten, verwehten Punkspuren - fort von Halogenscheinwerfern und Spoilern, einbaubaren Kassettendecks und Rallyestreifen-Folie.

Celebes hatte, anders als er, keine Kompromisse gemacht. Für ihn waren geschlossene Räume nach wie vor tabu, absolut unter jeder Hundewürde. Celebes war Tramp, war Punk geblieben, echt, Hardcore. Aber ohne Eisen, ohne Haarversteifer, ohne alle Insignien, die Menschen auch dann noch mit sich rumschleppen, wenn sie meinen, alles von sich geworfen zu haben.

Als Celebes weiter abmagerte, beschloss Papu, ihm Hack mit eingeriebenem Antiwurmmittel zu verabreichen. Aber Celebes musste den Samstag verpasst haben. Hatte er sich verzählt? Oder gab es vielleicht gerade zu viele läufige Hündinnen in den Isarauen? Auch am folgenden und darauf folgenden Wochenende hielt Papu vergeblich nach dem graubraunen Zottelfell Ausschau. Da warf er, einen Tag vor seinem 38. Geburtstag, das Haarfestigergel in die große Sondermülltonne, in die sonst nur der Verpackungsschrott für diverses Autozubehör wanderte, und unterzog seinen Körper einem einigermaßen schmerzhaften Entpiercing.

Celebes war fort, der letzte echte

und er wollte nicht der allerletzte Punk an der Isar sein. Die versprengten Jungpunks, die es hier und da noch geben sollte, Nachfahren einer großen Zeit, waren nicht mehr seine Welt.

* Name geändert