Celebes zog weite Kreise. Er durchschnüffelte die Hinterfront des Supermarkts, wo regelmäßig abgelaufene Lebensmittel verteilt wurden, hechelte von den Nachtlagern unter zwei Isarbrücken zu den Plätzen, an denen die Ausdünstungen von Schnaps und Schweiß auch vom Regen nicht abgewaschen wurden. Anfangs waren da noch Erinnerungen an Franz, die an Parkbänken und der Pritsche in einer aufgegebenen Laube klebten. Doch auch die verflogen mit der Zeit.

Papu kam regelmäßig unter die Brücke, den Ort, an dem Franz Celebes' Welt verlassen hatte. Celebes ließ sich kraulen, atmete die Schärfe, die von Papus aufgerichtetem Kopffell ausging, beschnüffelte das Metall in der bleichen Haut und schloss die Augen. Dann war es ihm, als läge er zwischen den beiden, zwischen Franz und dem freundlichen Besucher.

Nach einer angemessenen Trauerzeit begann Celebes Papu zu begleiten, bis zu dessen Wohnung in Giesing. Die Schwelle zu einer menschlichen Wohnhöhle mied er aber, so wie er es ein halbes Hundeleben lang gehalten hatte. Wenn Papu die Tür zum Treppenhaus schloss, drehte Celebes sich auf der Stelle um und stromerte in seinem unverwechselbaren Dreieinhalb-Bein-Stakkato wieder isarwärts.

Papu war genau genommen ein Expunk. Er gehörte mit 37 nicht mehr zu den ganz Harten, die, leidlich von der Fürsorge alimentiert, irgendwo hinterm Ostbahnhof abhingen. Punkzeit, das waren die Achtziger! Seine Zeit. Papu arbeitete wochentags in einem Großhandel für Autozubehör, einem sehr metallhaltigen Ort, wo das viele Schmuckeisen in seinem Gesicht wenig deplatziert erschien.

Aber an Wochenenden richtete er sich auf, was sich äußerlich und symbolisch in einer siebenzackigen, meist ultramarin gefärbten Irokesenbürste vergegenständlichte. Und an warmen Samstagen konnte es geschehen, dass er sich nostalgisch zum Schlafen im Freien ausrollte. Celebes fand ihn immer, egal, ob er sich am Flaucher im Kiesstrand der Isar ausstreckte, nachdem die letzten Grillenthusiasten gegangen waren, oder irgendwo am Monopteros im Englischen Garten, dem Hügel im Abwind der zehntausend Alkoholfahnen bierseliger Freizeittrinker.

Celebes wurde magerer. Das Leben an der Seite von Franz war einfacher gewesen. Neben Franz hatte keine Notwendigkeit bestanden, sich mit übergewichtigen Bullenbeißern um Käseecken zu streiten oder flinken Ratten aufzulauern. Und eines Samstags entdeckte Papu an Celebes' linker Flanke eine tiefe, eitrige Fleischwunde. Er wusste, dass sich Celebes nicht lebend in eine Tierarztpraxis bringen lassen würde. Also besorgte er Jodtinktur. Und Celebes biss leise winselnd die Zähne zusammen.

Papu war für ihn eine Gestalt, die das gute Gefühl von Geborgenheit, von Rudel, von beschützendem Überhund mit sich brachte. Fast ein Franz. Celebes lernte zählen: hundgemäß zählen. Er wusste, wann die sieben Tage verstrichen waren, wann es sich wieder lohnen würde, die Isarauen nach einem blauen Halbstern aus Haaren abzusuchen und die Luft nach einem scharfen Geruch, der aus dieser Bläue kam - wie aus einer überdimensionalen Blume.