Ist die Scharping-Affäre ausgestanden? Oder ist der Verteidigungsminister am Ende und will es bloß nicht wahrhaben - ein Feldherr auf Abruf und Abbruch?

Die zynische Antwort lehnt sich an eine alte persische Legende an. Sie geht so: Ein Mann wird zum Tode durch das Schwert verurteilt. Der Scharfrichter, ein Meister seines Fachs, wirbelt die hauchdünne Damaszenerklinge dreimal um sich und lässt sie dann durch den Nacken des Verurteilten sausen. Der Delinquent, als wäre nichts gewesen, steht immer noch aufrecht da. Er spottet: "War wohl nichts, Herr Scharfrichter?" Worauf der Henkersknecht nur lakonisch bemerkt: "Nicken Sie mal!"

Die weniger poetische Lesart folgt dem in Berlin wie einst schon in Bonn oft zu hörenden Erfahrungsatz: "Nächste Woche läuft eine andere Sau durchs Dorf."

Die Folgerung daraus: Augen zu und durch - "wacker durch", wie die Gräfin Pilati sagt. Sich nicht beirren lassen. Und fest daran glauben, dass mit einigen dürren Sätzen des Bedauerns das Überleben im Amt gesichert ist, da ja - 349 Flüge hin oder her - ein Verstoß gegen die geltenden Richtlinien zur Nutzung der Flugbereitschaft nicht nachgewiesen werden kann.

Die Nicken-Sie-mal-Version hat viel für sich. Rudolf Scharping strapaziert die Nerven der Genossen schon eine ganze Weile. Aus schlechtem Gewissen jedoch haben sie ihn gehalten - weil sie den 1994 als Kanzlerkandidat Gescheiterten das Jahr darauf in einem schändlichen Überrumpelungsmanöver aus dem Parteivorsitz kippten, ihn 1998 auch um den Vorsitz der Bundestagsfraktion brachten und ihn dann mit beinahe brachialer Gewalt auf die Hardthöhe zwangen. Die SPD hat Rudolf Scharping so oft so tief verletzt, dass sie jetzt unfähig war, eine auch nach Ansicht vieler Sozialdemokraten notwendige Grausamkeit zu begehen. Aber sehr viel länger wird den Genossen das Gewissen nicht mehr schlagen. Schon wird in Hannover und in Hamburg hörbar gegrummelt. Die niedersächsischen Kommunalwahlen habe der Rudolf vermasselt, heißt es an der Leine, während an der Elbe manch einer das drohende SPD-Wahldebakel vorsorglich schon als Ergebnis eines "Scharping-Knicks" darstellt. Noch ein Fehltritt wird dem Minister nicht verziehen werden.

Aussitzen also, Augen zu und durch? Es ist sehr die Frage, ob dies gelingen kann. Der Kanzler steht nur mit gemischten Gefühlen hinter Scharping. Solange er sich sicher sein kann, dass die große Reformkrise der Bundeswehr nicht mehr vor den Wahlen im Herbst 2002 losbricht, wird er an der Spitze der Hardthöhe keine Veränderung wollen. So beschädigt, wie der Minister ist, muss der dem Regierungschef aus der Hand fressen und sich mit dem Magerbudget zufrieden geben, dem er im Juni 2000 zugestimmt hat. Einen Billigeren als Scharping findet Schröder nicht. Unvorstellbar, dass irgendein denkbarer Nachfolger das Amt übernähme, ohne einen Nachschlag von jährlich ein oder zwei Milliarden Mark über Eichels Etat-Ansatz hinaus zu verlangen.

Aussitzen? Vorsicht