Neuanfang im Gefängnis

Mit 40 Jahren ist Michael S. nun wieder Azubi. Der gelernte Metzger sitzt an einer Werkbank, lötet Widerstände, Transistoren und Kondensatoren auf dünne Kunststoffplatten und entwickelt Schaltpläne. Der Häftling von Santa Fu, wie der Volksmund die Hamburger Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel nennt, nutzt seine fünfjährige Haftstrafe, um eine Berufsausbildung zu machen. In zwei Jahren möchte er die Prüfung zum Elektroanlagenmonteur ablegen. "Damit werde ich nach meiner Haft einen Job bekommen", hofft der ehemalige Bankräuber, der ins bürgerliche Leben zurückkehren möchte.

Michael S. ist einer der ersten Teilnehmer eines Ausbildungsprogramms, das die Hamburger Justizbehörde im Herbst verbindlich einführen wird. Zurzeit läuft die Pilotphase. Das Programm wurde zusammen mit dem Berufsfortbildungswerk (BFW) in Bochum ausgearbeitet. Das Ziel: die Lehrzeit verkürzen, externe Ausbilder aus Unternehmen und Handwerksbetrieben in das Gefängnis holen und die Ausbildung selbst in Abschnitte, so genannte Module, unterteilen, die mit einer Prüfung abgeschlossen werden können.

So wollen die Initiatoren erreichen, dass weniger Gefangene ihre Lehre während der Haft abbrechen und dadurch nach der Entlassung schneller rückfällig werden. Derzeit brechen laut Schätzungen von Experten etwa 70 Prozent der Häftlinge, die eine Lehre beginnen, die Ausbildung ab. In Baden-Württemberg beispielsweise haben nur 81 von 8200 Gefangenen einen Gesellen- oder Facharbeiterbrief erlangt. Jürgen Beuck, der als Vollzugsleiter für die Ausbildung im Hamburger Gefängnis zuständig ist, begründet dies mit der langen Lehrzeit: "Die meisten bringen die Geduld dafür nicht auf."

Um zu verhindern, dass der Gefangene ganz ohne Abschluss dasteht, wenn er die dreijährige Lehre abbricht, schließt er nun einzelne Lernabschnitte mit einer Prüfung ab. Michael S. beispielsweise wird in einem Modul zunächst das Löten und Schmelzschweißen lernen. Für diese Grundqualifizierung erhält er ein Zeugnis, das ihn als Fachkraft für Schweißtechnik qualifiziert. Sollte er abspringen, kann er nach seiner Haft zumindest als Fachkraft einen Job bekommen. Macht er aber weiter, lernt Dreh- und Frästechnik und kann elektrische Anlagen messen, prüfen und einstellen, ist er mit dieser "modularen Qualifizierung" fit für eine Fachwerkstatt. Das letzte Modul bereitet ihn dann auf die Facharbeiterprüfung vor, die er nach zwei Jahren vor der Handelskammer abschließen kann. Michael S. möchte später als Großküchenmonteur eine Anstellung finden.

Ausprobieren und diskutieren

Im Bochumer BFW meint der Anstaltsleiter Beuck den richtigen Partner für den neuen Ausbildungsweg gefunden zu haben. Das Berufsfortbildungswerk ist eine Institution des Deutschen Gewerkschaftsbundes und hat im Auftrag von Justizministerien für mehr als 40 Strafanstalten Ausbildungsprogramme ausgearbeitet. Fach- und Übungswerkstätten für Farbe und Gestalten, Elektro und Metall oder den Garten- und Landschaftsbau wurden für Gefangene in Vollzugsanstalten verschiedener Bundesländer wie Sachsen, Thüringen oder Rheinland-Pfalz eingerichtet. Das Prinzip ist immer dasselbe: Der Gefangene kann Schein für Schein sammeln, damit nach der Haft eine Arbeit suchen oder aber die Gesellenprüfung abschließen.

Zusammen mit Dieter Fichtner, dem Leiter der Ausbildungsabteilung beim BFW, hat Jürgen Beuck Standards für das Programm in Hamburg aufgestellt. "Der Gefangene soll in keiner beschützenden Werkstatt arbeiten", sagt Fichtner.

Neuanfang im Gefängnis

"Im Gefängnis sollen die gleichen Bedingungen wie draußen herrschen." Er muss die Ausbildung außerdem auf die Mentalität der Gefangenen zuschneiden. Wo sonst Lehrlinge in der Werkstatt "üben, bis sie es können", sagt Fichtner, erarbeitet der Auszubildende im Gefängnis einen "Themenbereich". Zum Thema "Thermisches Trennen" etwa sucht der Gefangene Michael S. ein Metall aus, aus dem er zwei Stoffe durch Erhitzen trennt. Dasselbe probiert er auch an anderen Materialien. Die Ergebnisse diskutiert er anschließend mit dem Ausbildungsleiter. "Fortschrittlich" nennt das Fichtner und hält es sogar für nachahmenswert für die Lehre in normalen Betrieben.

Doch die Haft erschwert das Lernen: Der Ausbilder kommt zum Gefangenen in die Werkstatt, die auf dem Gefängnisgelände untergebracht ist. Die Werkstätten sind hier zwar alle sehr groß, die Geräte und Maschinen jedoch veraltet. In der Druckerei der Hamburger Vollzugsanstalt steht noch eine betriebsbereite Druckmaschine der Marke Heidelberger aus der Nachkriegszeit, die regelmäßig gewartet wird. In einem normalen Handwerksbetrieb wäre sie ein Museumsstück.

Hinzu kommt, dass die Ausbilder schon lange keinen normalen Betrieb mehr von innen gesehen haben. "Als verbeamtete Ausbilder nach über 20 Jahren im Gefängnis, haben sie den Bezug zur beruflichen Wirklichkeit vollends verloren", sagt Jürgen Beuck. Die sehe anders aus als in einer Gefängniswerkstatt. Beuck: "Der Leiter unserer Bäckerei hat für ein paar Monate draußen gearbeitet. Der kam mit völlig neuen Ideen zurück."

In der Vollzugsanstalt Fuhlsbüttel sind derzeit 450 Gefangene untergebracht.

Die Anstaltsleitung bestimmt nach der Länge der Haftzeit und der Persönlichkeit der Inhaftierten, wer von ihnen eine Ausbildung beginnen kann.

Zurzeit sind es nur 26. Von den Schlossern brechen drei von vier Gefangenen die Ausbildung ab, bei den Tischlern sind es zwei von dreien. "Trotzdem ist es Pflicht der Justiz, die Gefangenen fit zu machen für den Berufsalltag", sagt Beuck, der angesichts dieser Zahlen nicht so leicht aufgeben will. "Um Gefangenen zu zeigen, wie man ohne Straftaten leben kann, muss man sie qualifizieren."

Eine Ausbildung ist zwar keine Garantie für den Ausstieg aus dem kriminellen Milieu, doch die Statistik zeigt, dass Haftentlassene mit einer Berufsausbildung seltener rückfällig werden als jene ohne abgeschlossene Lehre: immerhin um zehn Prozent.

Neuanfang im Gefängnis

* Weitere Informationen im Internet:

www.zeit.de/2001/37/gefangen