Gelegenheiten, eine demonstrative Lehre aus der Geschichte zu ziehen, sind selten und kostbar. Deutschland sollte sie nicht verstreichen lassen.

Die Bundesrepublik wehrt sich seit Monaten mit juristischen und diplomatischen Mitteln gegen die drohende Pfändung ihrer Gebäude in Athen, in denen Deutsches Archäologisches Institut, Goethe-Institut und Deutsches Gymnasium untergebracht sind. Das ist töricht. Völkerrechtlich gesehen, mag der Versuch einer griechischen Ortschaft, Wiedergutmachung für deutsche Gräuel im Zweiten Weltkrieg zu ertrotzen, zweifelhaft sein. Aber was wiegen die Formalien des Völkerrechts gegen Verbrechen, die ihrerzeit ebenfalls gegen jedes Völkerrecht begangen wurden?

Und es kommt noch etwas anderes hinzu. Deutschland hat ja nicht nur Unheil über Griechenland gebracht. Der deutsche Philhellenismus hat zuvor schon Unheil über Deutschland gebracht. Der Krieg gegen Griechenland war schlimm, aber die Liebe zu Griechenland hat das Verhängnis erst bereitet. Mit Droysens Alexander-Buch begann der deutsche Sonderweg. Die Preußen als Makedonen der Neuzeit! Die deutsche Sprache als Erbin des Griechischen. Mit der Kultur Athens gegen die Zivilisation Roms. Die Tyrannei Griechenlands über Deutschland heißt ein Buch von Eliza Marian Butler, das den Weg von Winckelmann an nachzeichnete. Das Unheil kam aus dem Geist der Altphilologie: die Abwendung vom Westen, der Überlegenheitswahn, der Militarismus und die Paraden, in denen der Marschtritt der Hopliten, der schwer bewaffneten Fußtruppen Athens, zum Schrecken der Welt wiederkam, man kann noch heute das persische Entsetzen vor dem Gleichschritt bei Xenophon nachlesen. Wen wundert es da, dass als erstes und immer noch größtes das Goethe-Institut in Athen errichtet wurde?

Die Chance der Pfändung besteht darin, es endlich zu schließen. Wir wollen keine deutschen Kulturinstitute mehr in Griechenland, wir wollen auch kein archäologisches Institut, dieses vor allem ist Zeichen des deutschen Wahns, übrigens auch eines Irrtums. Überall in Europa, in Frankreich, England, Italien, lässt sich die Antike besser studieren als in Griechenland

streng genommen hat die Kenntnis der griechischen Antike nur außerhalb Griechenlands überlebt und ist erst als eine Art Reimport im 19. Jahrhundert wieder zu seinem geografischen Ursprung zurückgekehrt. Dass die Griechen Griechen sind im Sinne der Antike (oder immerhin sein könnten), das haben sie erst wieder von den Professoren und Dichtern des Nordens gelernt, deren Philhellenismus sich seinerzeit an Gipsabgüssen entzündete.

Es ist alles ein grässliches Missverständnis und muss jetzt ein Ende finden.

Die deutschen Liegenschaften sollten zur Wiedergutmachung verschenkt, das Personal abgezogen und die deutsch-griechische Kultursymbiose ein für allemal beendet werden. Sie hat sich nicht bewährt.