Der Blick auf die Schwarzen Bretter sagt alles über die Befindlichkeiten dieser Behörde: Da werben die Gymnastikgruppe und der Philatelieclub um die zugezogenen Beamten, wollen den Berlinern die Verpflanzung in die Bonner Vorstadt versüßen. Die Immobilienbesitzer sind realistischer. Sie offerieren Kompaktapartments, "ideal für Wochenendpendler". Auch das Dienstliche kommt nicht zu kurz: Per Hausmitteilung werden die Mitarbeiter aufgefordert, sich als Verfasser wissenschaftlicher Werke zu outen. Eine Publikationsliste soll die Kompetenz des Hauses deutlich machen.

Willkommen bei der Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte: ein Amt im Umzug, eine Autorität im Rückzug, 1100 Aufseher auf der Suche nach der verlorenen Identität.

Bis vor kurzem kannte kaum einer den neuen Namen der Behörde, die vor sieben Jahren aus der Erbmasse des Bundesgesundheitsamtes entstand. Seit Lipobay hat sich das geändert. Die Schlagzeilen um den Blutfettsenker machten freilich auch die Misere der Bonner Beamten deutlich: Die britischen Arzneikontrolleure hatten der deutschen Arznei die Zulassung gegeben. Den "freiwilligen" Rückzug lösten die amerikanischen Behörden aus. Die deutschen Aufseher blieben bei alldem außen vor.

Jetzt schieben sie die Schuld auf den Hersteller Bayer, der sie angeblich über alles im Dunkeln ließ. Verärgert drohte der Präsident des Amtes, Harald Schweim, dem Leverkusener Konzern ein Bußgeld an. Hätte das Unternehmen besser informiert, verteidigte sich Schweim in einem Zeitungsinterview, "hätten wir mit Sicherheit gehandelt".

Doch ganz so überraschend kann die Rücknahme des Medikamentes die Amtsleute in der deutschen Provinz nicht getroffen haben. In Fachkreisen wurde seit Monaten über die Zwischenfälle im Zusammenhang mit der Bayer-Arznei diskutiert. "Wir haben unsere Leser schon im März informiert", sagt Peter Schönhöfer, früher selbst Pharmaaufseher, heute Mitherausgeber des Fachblattes Arznei-Telegramm. Alarmiert durch solche Berichte und das Unternehmen selbst, tagte im Juni eine Arbeitsgruppe europäischer Kontrolleure. Anwesend waren auch die Vertreter der deutschen Behörde. Eine selbstkritische Studie aus dem Hause Bayer, die das Unternehmen den deutschen Beamten ihrer Meinung nach viel zu lange vorenthielt, lag zumindest den britischen Kollegen der Arbeitsgruppe vor. Doch die versammelten Europäer beließen es bei einer Verschärfung des Beipackzettels. Und so waren es die Amerikaner, die den Managern aus Leverkusen die Leviten lasen.

Vorbild Amerika

Ein Rückschlag für die Aufseher auf dem Alten Kontinent. Seit Jahrzehnten bemüht man sich in Europa, bei der Arzneimittelkontrolle den USA nachzueifern. Besonders die Deutschen hatten einen guten Grund, sich Amerika zum Vorbild zu nehmen: den Fall Contergan. Als vor 40 Jahren 10 000 Kinder verstümmelt zur Welt kamen, weil ihre Mütter während der Schwangerschaft das Schlafmittel aus Deutschland genommen hatten, blieben nur die Vereinigten Staaten verschont. Amerika hatte als einziges Industrieland der Welt dem Präparat der Aachener Firma Grünenthal die Zulassung verweigert. Seither hat die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) einen Ruf wie Donnerhall.