Von diesem Autor wird man noch hören", so prophezeite nicht nur Peter von Matt nach der Lektüre von Norbert Niemanns erstem Roman Wie man's nimmt, sondern das dürften damals vor drei Jahren viele Leser gedacht, nein gewusst haben. Da war jemand erzählerisch so wütend, getrieben von Ekel und Faszination eingebrochen in die faden Finsternisse unserer Jetztzeit, in die medial formierten, deformierten Seelen der zeitgenössischen Eingeborenen, dass man schon ahnen konnte: Mit einem Zugriff war dieser Furor nicht abgegolten, dieser Wütende und Ensetzte würde weitermachen, nicht aufgeben, nicht abkühlen.

Nun also hört man wieder von ihm und weiß auch wieder, schon nach ein paar Seiten, dass und wie er sich unterscheidet von so vielen Schreibgenossen seiner Generation. Dass es ihm nicht ankommt auf blendend sicheren Stil oder gar Schönschreibkunst, auf eine imponierende Komposition, den unverwechselbaren Ton oder eine der Erzählaufgabe streng funktional zugeordnete Schreibart. Oh nein, Niemann wühlt sich erst mal tief rein in sein Thema, wie atemlos, wie blind mit weit aufgerissenen Augen. Alles andere scheint, zunächst, egal. Er will da reinkommen, sich mitreißen und uns.

Da steht er also in der Fremde auf seinem Schulhof, der Studienrat, Historiker, Enddreißiger Frank Beck, geschieden, gründlich vereinsamt und verstört, starrt in diese Jungmenschenknäuel, auf seine unbegreiflichen Schüler. Jeder Ethnograf weiß besser Bescheid über seinen zu erforschenden Eingeborenenstamm als Beck über diese Horden von Zivilisationsgeschädigten, die er doch, über was nur und warum und wie, unterrichten soll. Wie die schon heißen: Dany und Kevin und Babsi und Shana und Nadja und Mike, Marlon, Yvonne, Michelle oder Conny. Knallen mit Skateboards gegen Mauern oder schlurfen barfuß durch den Staub, ein Ringlein eingepierct in eine Augenbraue. Dazu ihre unerklärlichen Gruppenrituale, die kaum lesbaren Zeichen von Sympathie oder Kälte oder Feindschaft, untereinander oder zur Lehrerperson hin, die leeren Gesichter und wohl auch Köpfe während des sich mühsam hinschleppenden Unterrichts.

Beck, kein Wunder, fällt immer öfter in einen "diffusen Erregungszustand", joggt sich den entweder besinnungslos aus dem Leib oder wühlt sich, das immer lieber und immer besessener, durch ein unendliches Material über Jugendgewalt, Sex, Drogen, Verbrechen an Schulen, füllt immer neue Dateien, Ordner, überschwemmt seine Festplatte mit dem Zeug. Und gerät zugleich in ein fortlaufendes, stark redundantes Kommentieren dieser Tätigkeiten, seiner Nöte, Wut- und Depressionswellen, gerät in die Erzählung ebendieses Romans und macht uns zu Gefangenen seiner uferlosen, rasenden Rede. Gefangen sind wir, leider nicht immer gefesselt.

Denn allzu bedenkenlos, zügellos hat der Autor Niemann seinem Protagonisten das Erzählterrain überlassen. Das Schwierige an solcher Icherzählersuada, für den Autor wie für den von ihm gesteuerten Leser, ist und bleibt ja die Unterscheidung zwischen dem wahren und einem nur vorgeschobenen Erzähler, in diesem Fall zwischen Niemann und Beck. Schwatzt der stark paranoide Studienrat durchlaufend Rollenprosa, die ihn also charakterisiert und auch blamiert, oder redet er doch und vor allem im ideologischen Auftrag, als Sprachrohr, Bauchredner seines Autors?

Klipp und klar muss ein Roman solche Fragen nicht beantworten, er darf und soll ja durchaus zwielichtig schillern. Doch zu oft, zu fahrlässig und verwirrend verwischen sich bei Niemann die Grenzen zwischen seiner Autorität als Autor und Becks Rolle als Erzähler.

Sodass wir auch nicht wissen, wer denn verantwortlich zeichnet für so viel schludrig konventionelles Deutsch im Erzähltext, für Wendungen wie "außerdem sei in diesem Zusammenhang darauf hingewiesen" oder "dass sie in der Tat Eindruck auf mich in meiner Eigenschaft als, wie soll ich sagen, Mann machen könnte". Wie soll ich sagen: Darf derart verholzte Sprache als (eher unbeholfene) Parodie von Becks Beamtenjargon gelesen werden, oder unterlaufen solche Füllsel dem Autor Niemann in der Hast und Hitze seiner Textproduktion?