Wer in Skopje die Reste der nationalen Einheit Mazedoniens besichtigen will, muss auf die Märkte gehen. An den ausgedehnten Obst- und Gemüseständen spielen Sprache und Religion keine Rolle. Albaner im weißen Fez verkaufen Tomaten und Zwiebeln gleich neben schwarz gekleideten mazedonischen Bäuerinnen

die Kundschaft schimpft in verschiedenen Sprachen, aber mit den gleichen Worten: Unverschämtheit! Niemand kann so leben!

Voll und laut wird es auf den Märkten, wenn die Sonne sinkt. Dann halbieren die Verkäufer die Preise für verderbliche Waren. Ein Kilo Tomaten, in den Sommermonaten das Hauptnahrungsmittel für Arme, ist zurzeit für eine Mark zu haben, dreimal so teuer wie im Vorjahr. Pfirsiche, ein Paradeprodukt des Landes, kosten sogar zwei Mark. Seit Beginn der Mazedonien-Krise im März sind die Lebensmittelpreise um etwa acht Prozent gestiegen, die Zahl der Haushalte, die Sozialhilfe empfangen, wuchs gleichzeitig um zehn Prozent.

Rentner in beiden Teilen Skopjes, dem albanischen nördlich und dem mazedonischen südlich des Vardar, treibt es an die Müllcontainer, wo sie nach Essensresten suchen.

Verblüffender noch als die Einheit im Elend ist die Einigkeit im sozialen Protest. Während albanische Rebellen und mazedonische Polizei in den Bergen aufeinander schossen, trafen sich in Skopje und Tetovo mazedonische und albanische Arbeiter auf Demonstrationen gegen Betriebsschließungen, Privatisierungen und Korruption. Die Beschäftigten des Chrom-Verarbeiters Jugochrom aus Tetovo blockierten sogar einträchtig die zeitweise umkämpfte Straße zwischen beiden Städten - mitten im vermeintlichen Bürgerkrieg. Nicht nur die Demos, auch die Anlässe dafür sind "ethnisch neutral": Meist geht es um Raubprivatisierungen, bei der die engere Verwandtschaft von Ministern und Parteisekretären profitiert - ein Geschäft, das die Koalition aus mazedonischer VMRO und albanischer PDSh streng quotiert abgewickelt hat. Was die Bürger aufregt, hat mit ethnischen Spannungen - scheinbar - nichts zu tun.

Ganze sechzehn Mischehen

Aber der Schein trügt: Nirgendwo im früheren Jugoslawien unterscheiden sich zwei Volksgruppen sozial und in ihren Wirtschaftssphären so stark wie in Mazedonien. Zwischen Albanern und Mazedoniern gab es 1999 nur 16 Mischehen.