Ob man will oder nicht: Wer symphonische Musik hört, hat sie dabei, die Oboe.

Merkwürdig nur, dass weder die Klassiker noch die Romantiker sie als Soloinstrument sonderlich schätzten. Vielleicht ist das "hohe Holz" (hautbois, wie die Franzosen es nennen) schlicht zu schwer zu spielen. Der sonst so betont sachliche Heinrich Christoph Koch hält 1802 in seinem Lexikon fest: "Ueberhaupt scheint es, als wolle es auf diesem Instrumente weniger Tonkünstlern glücken, einen schönen und markichten Ton zu erlangen, als auf den übrigen der jetzt gebräuchlichen Blasinstrumente. Der gute Ton dieses Instrumentes nähert sich unter allen Blasinstrumenten der Discantstimme am mehrsten

mit schlechtem und kreischendem Tone geblasen, ist es aber auch unter allen das widerlichste und unangenehmste."

Diese Züge des Instruments - die Karl May noch in seinem blauroten Methusalem ausbeutet, wenn es darum geht, Strauchdiebe durch akustische Kriegsführung zu vertreiben - sind bei dem Oboisten Fabian Menzel nicht sehr dominant.

Zusammen mit dem Pianisten Bernhard Endres hat er bei dem Label Antes (Vertrieb: Pro Classics) eine kleine Bibliothek mit Oboenkammermusik eröffnet, vornehmlich mit Beständen der gemäßigten Moderne. Neueste Folge ist eine Sammlung von Oboenmusik aus Österreich-Ungarn (Antes bmcd31.9158) - Ausgrabungen der jüngeren Vergangenheit, denn wer kennt schon Hans Gál, den komponierenden Methusalem? In Antiquariaten sind verschimmelte Exemplare seiner Hagiografien über Brahms/Wagner/Verdi noch zu finden, aber seine Musik? Die Oboensonate von 1964 ließe sich problemlos 70 Jahre früher ansetzen, ist ansprechende Musik im romantischen Idiom, angespitzt durch archaisch-folkloristische Elemente. Den Hauch der Geschichte hat dieses Stück nie geatmet, dafür wurzelt es im Klangcharakter des Instrumentes. Auch Jenö Takacs ist heute nicht mehr geläufig oder Mátyás Seiber, der 1928 in Frankfurt die erste Jazzschule gründete (und 1933 selbstverständlich emigrieren musste). Ihren zeitenthobenen Stücken schlägt die historische Unbekümmertheit in Form ungebremster Vitalität an - wiedererweckt durch die Erzmusikalität der beiden Spieler. Menzel, der für jedes Stück, jeden Satz einen eigenen Ton findet und die melodischen Bögen genau ausformuliert, und Endres, der ihm rhythmischpulsierenden Kontrepart bietet. So beleben sie das alte Ideal aller Kammermusik neu: Einer für alle, alle für einen.